Thursday, May 02, 2013

Denkmalschändung

Am Judenplatz gibt es ein Mahnmal. Ein sehr schönes Mahnmal sogar, wie ich finde, nicht zuletzt, weil es die Form eines Tempels hat, dessen Außenfassade aus lauter Betonstücken in Form von Büchern besteht. Dieser graue Betontempel steht auf einer Basis, einer Stufe, die auf allen Seiten etwa einen halben Meter vorspringt und in die metallener Text eingelassen ist, der das Mahnmal erklärt und zusätzlich die Orte anführt, an welchen zur Zeit des Deutschen Reiches Juden eingekerkert und zugrunde gerichtet wurden.

von dort geborgt: http://www.univie.ac.at/hypertextcreator/europa/upload/europa/Image/import/275.jpg


Diese Basis, diese Stufe lädt durch ihre bauliche Anlage zum Draufsetzen ein und wird von vielen Menschen entsprechend als Sitzgelegenheit verwendet. (Gäbe es in der näheren Umgebung Bänke, auf die man sich setzen könnte, dann sähe das vielleicht anders aus.)
Ich finde das jetzt nicht problematisch - natürlich vorausgesetzt, man beschmutzt oder beschädigt das Mahnmal dadurch nicht - und würde mich auf die Basis eines jeden Denkmals jederzeit draufsetzen, wenn es dazu einlädt (und tue das auch durchaus hin und wieder).

Dementsprechend dachten ich und die liebe Julia uns überhaupt nichts dabei, als wir uns mit je einem Becher Joghurteis in Händen auf dieser Stufe niederließen. Die gesamte Stufe (mit Ausnahme der beschrifteten Vorderseite - man hat ja Anstand) war mit Menschen locker besetzt. Die Sonne schien, der Platz war bevölkert, und die Touristen tröpfelten in kleinen Grüppchen über den Platz und ließen dabei das Mahnmal nicht außer Acht.

Eine ältere Dame mit pinkfarbenem T-Shirt und gleichfarbstichigem Haar kreiste etwa zehn Minuten lang im Halbradius um uns, bis sie es nicht mehr aushielt.

Do you speak English?
Yes, we do. (Ich habe die Frau vorher nicht bemerkt und glaube, sie möchte eine Auskunft.)
Do you know what this is?
Yes, it is a memorial to commemorate the Jews who died during the times of the 2nd World War and.. 
Exactly. So do you think it is appropriate to sit here?

Uns verschlägt es beiden mal kurz die Sprache. Danach beginnen wir ihr zu erklären, dass die Tatsache, dass wir hier sitzen, nicht etwa zu bedeuten habe, dass wir keinen Respekt hätten, oder weil uns die Geschichte unseres Landes mit allen ihren furchtbaren Seiten etwa egal wäre. Wir säßen hier mit viel Respekt gegenüber dem Denkmal, fänden aber nicht, dass das so stark verwerflich sei, da wir es genau in dem Zustand wieder verlassen werden, in dem wir es vorgefunden haben.
Sie lässt das nicht gelten, immerhin seien ihre Eltern aus Österreich vertrieben worden und deshalb schmerze es sie, dass Leute wie wir zu Füßen dieses Denkmals Platz genommen haben, noch dazu so unbekümmert.
Ich hatte große Lust, eine Diskussion zu beginnen, in der ich angeführt hätte, dass ich sehr wohl ihre Emotionen verstehe (dem war auch so), dass ich dennoch aber kein Problem darin sehe, dass Leute am Fuße eines Denkmals sitzen und dass ich das schon gar nicht als persönliche Beleidigung empfinden würde oder als Leugnung oder leichtfertigen Umgang mit der Geschichte. Zugegebenermaßen hat dieses Denkmal auf Leute mit persönlicher Verbindung dazu eine ganz andere Wirkung als auf ignorante und vor allem historico-emotional unbedarfte Jungspunde, doch ich empfinde zu viel Denkmalhuldigung als übertrieben. Ein Denkmal ist ja nur ein Symbol.
(Immerhin käme ich, wenn ein Bekannter von mir sich an einem Strick erhängt hätte, auch nicht auf die Idee zu einem Schnurspringer, der in einem Park seine Sprungkraft verbessert, hinzugehen und ihn zu bitten, damit aufzuhören, weil der Anblick einer Schnur mich persönlich schmerzt.)
Von einer derartigen Diskussion nahm ich jedoch Abstand, aus dem Grund, dass diese Frau bestimmt meinen Beweggrund missverstanden hätte, die Aktion nur als Untermauerung meiner Aufmüpfigkeit empfunden hätte, und ich sie in ihrem bereits empfunden Schmerz nicht weiter kränken wollte. (Mal abgesehen davon, dass mir das Schnurspringerbeispiel freilich erst Minuten später einfiel).

Offenbar war die Frau ebensowenig auf verbissene Konfrontation aus wie wir, wies uns noch einmal darauf hin, wie schmerzlich es für sie war, hier Leute sitzen zu sehen und zog von Dannen.

Woraufhin ich mit Julia weiterdiskutierte und wir übereinkamen, dass man uns keine Schuldigkeit für die Vergangenheit in die Schuhe zu schieben brauchte - ebensowenig wie mangelndes Verständnis für historische Ereignisse - denn beides haben wir nicht. Wir finden, dass man durchaus respektvoll auf der Basis eines Denkmals sitzen kann. Außerdem ist einem während der ganzen Sitzzeit ebendiese Vergangenheit, an die gemahnt wird, bewusst. Vielleicht sogar bewusster, als wenn man nur dran vorbeigeht und für eine Ehrfurchtssekunde den Blick drüberschweifen lässt.


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