Saturday, June 08, 2013

Ab ins Bootcamp

Ich halte mich eigentlich generell für eine ziemlich sportliche, ausdauernde Person, die auch recht hart im Nehmen ist: Eine dreitägige Wanderung, gestreckt über 80km mit mehreren tausenden Höhenmetern, die zu erkämpfen sind - kein Problem. Eine Fahrradtour, bei der man etwa 500km vollbepackt und auf unwegsamem Gelände in 7 Tagen zurücklegen will? Schreckt mich nicht. Eine Kletterpartie über riesige Felsblöcke, gekrönt von einem gämsenhaften Sprung von einer hohen Felssäule zur nächsten? pfff... reden wir nicht drüber.

Letzten Freitag, allerdings, wurde ich eines besseren belehrt.

Es gibt das Vienna City Bootcamp, auf welches meine trainingswütige Schwester bei einer ihrer extensiven Internetrecherchen mal gestoßen ist und von welchem mir die liebe Julia vor ein paar Wochen erstmals erzählte. Letztere hat das nämlich ausprobiert und quält sich nun neuerdings Woche für Woche freiwillig ab.
Die Idee, die Stadt und deren Gegebenheiten für Ausdauer- und Kräftigungsübungen zu nutzen, finde ich äußerst ansprechend, denn erstens passt das Ambiente, zweitens ist man frischen Luft und nicht in einem grauslich-stinkenden Fitnesscenter (so stell ich mir das jedenfalls vor) und drittens ist es gleich doppelt hardcore, wenn man noch die äußeren Wetterbedingungen dazunimmt.

Letzten Freitagabend hat's genieselt. Ebenso war jener Freitag der Tag, an dem ich mich erstmals der Herausforderung stellte. Ich war nicht in Topform und hatte mir zudem das Genick verrissen, doch das sollte mich nicht abhalten.
Wir trafen uns beim Heldentor (laurum militibus lauro dignis*!), der freudenstrahlende (und sadistisch veranlagte - wie sich herausstellen wird) Trainer nimmt uns noch allerhand unnötigen Ballast ab und stopft ihn in seinen Rucksack und los geht's:

Die Aufwärmübungen finden entspannt zu ebenso entspannten Zither(?)-/Harfen(?)- ..Klängen statt, die das Umfeld so bereitstellt. Dann joggen wir gemütlich los. Es gibt normales Gejogge, Sidesteps, Hopserlauf. Alles easy, das wird gemütlich - denke ich. Kaum habe ich zuende gedacht, werde ich schon eines Besseren belehrt: Mit den elastischen Bändern, die wir zuvorher erhalten haben, hängen wir uns an Parkbänke und trainieren unsere Arme in alle Richtungen, im Kampf gegen das sich zusammenziehende Band. So viele Wiederholungen, bis es schmerzt und das Band gegen den Arm zu gewinnen droht.

Weiter geht's im Laufschritt - endlich wieder kurze Entspannung - doch "halt!", schon sind wir an der nächsten Station angelangt. Unter der Portikus des Theseustempels legen wir uns alle auf den Boden und trainieren unsere Bauch- und Beinmuskulaturen. Das geht. Das bin ich vom Tanzen halbwegs gewohnt.

Wieder eine kurze Laufpause und das nächste Armmuskeltraining steht an. Die Möglichkeiten, die so eine simple Parkbank bietet sind erstaunlich groß! Meine Arme schreien vor Schmerzen auf - immerhin sind die nicht gewohnt, beansprucht zu werden.

Und weiter im Laufschritt - irgendwie wird auch das langsam anstrengend, obwohl das Tempo mehr als gemütlich ist. Doch offenbar haben wir unsere Beine noch nicht genug gefordert und in einer irren Übung, bei der man ein Bein nach hinten auf einer Bank ablegt, sich danach runterbeugt und die Handflächen auf den nassen Boden klatscht (*schmatz*) und sich dann schnell aufrichtet und - optimalerweise - dabei noch mit dem Standbein wegspringt (HA-HA.), nehmen wir ihnen noch mehr Kraft. Der nächste Laufteil ist schon keine Entspannung mehr, sondern wird nun schon zur Qual. Ich falle ans hintere Ende der Gruppe ab.

In der Manier geht es weiter, durch Volks- und Burggarten und rund um Heldentor und Nationalbibliothek. In den letzten 10 Sekunden einer jeden Übung werden wir jeweils zur Temposteigerung aufgefordert und, sollten wir bei einer der unbarmherzigen Kniebeugübungen unseren Hintern oder unser Knie nicht weit genug dem Boden nähern, hilft Trainer Billy mit sanftem Druck auf die Schultern nach. Danke, auch! Ich verlier eh nur gleich das Gleichgewicht...

Ich dachte ja immer, ich sei ehrgeizig, aber es stellt sich heraus, dass ich bei Druck von außen eher dazu tendiere, eine kleinkindhafte Trotzhaltung einzunehmen und in dem Moment, wo der Trainer mal nicht herschaut, einfach zu pausieren, weil meine Muskeln mir vorgaukeln, dass sie sonst reißen. Ich kann mich normalerweise auch zusammenreißen, was Flüche usw anbelangt, doch hier fällt es mir schwer und nach jeder Übung muss ich meinen Empfindungen Luft machen. Die andern klagen gar nicht...

Irgendwann ist diese unbarmherzige Stunde dann auch vergangen und Julia und ich schleppen uns zu unseren Rädern. Ich binde meines mit letzter Kraft los und wir taumeln durch die Innenstadt.
Nach einer heißen Dusche sah mich dieser Abend auf dem Sofa liegend und ohne den geringsten Antrieb, auch nur die kleine Zehe zu bewegen.
Am nächsten Tag merkte ich schon beim Aufwachen, dass der Aufstehen mir Schmerzen bereiten würde und so war's auch. ABER: der Ehrgeiz ist jetzt aus seiner Feiglingshöhle gekrochen und ich bin motiviert, mich demnächst wieder foltern zu lassen, denn so selig entspannt, wie nach dieser Hardcoreeinheit war ich schon länger nicht. Allerdings werde ich das nächste Mal garantiert hinterher ausgiebig dehnen!


*passende Inschrift am Heldentor: Den Lorbeer den Soldaten, die des Lorbeers würdig sind. - Ich muss mir meinen Lorbeer allerdings erst erarbeiten.

Friday, May 31, 2013

Toss the Confetti

... und weiter im selben Tonfall.

Nachdem ich das Freudenfest selber noch unerwähnt gelassen hatte, will ich das hier nachholen: Allzu viel will ich nicht schreiben, weil es ja nicht meine persönliche Geschichte ist, aber ein paar Worte wollen sein und vermutlich werden es auch mehr als nur ein paar.

Am Vormittag des großen Tages machten wir uns in unseren jeweiligen Hotelzimmern fertig und ich gab noch schnell Stylingtipps (ja, ich. hm..) und zwei Sicherheitsnadeln aus, um ein Kleid davor zu bewahren, ihre Trägerin zu sehr zu entblößen.
Meine Sorgen bezüglich eines bestimmten Dresscodes, über den ich mir vorher den Kopf zerbrochen hatte, erwiesen sich freilich (wie meistens in Großbritannien) als absolut unnötig: man sah alles von casual im Strandkleid über super-smart (mit Hut à la Queen Elizabeth) bis hin zu den lächerlichsten Kravatten. Ich mag das eigentlich sehr. Dafür, dass sich Großbritannien immer als die Nation geriert, die von Mode nur so besessen ist, empfinde ich die Kleidungsetikette dort um einiges entspannter als bei uns.

Zum Ablauf:
Wir kamen zeitig bei der kleinen Dorfkapelle an und nahmen schon mal unsere Plätze ein. Für mich war alles aufregend, denn erstens unterscheiden sich britische Hochzeiten ja doch irgendwie von österreichischen und zweitens waren die letzten beiden Jahre schon so hochzeitsreich für mich, dass es von Mal zu Mal interessanter wird.

Die Braut trug weiß, auch wenn der erste Blick auf die in die kleine, heimelige Kapelle eintretende Claire mich zuerst stutzig werden ließ, war ihr Kleid doch eindeutig gelb. Ein zweiter Blick belehrte mich jedoch, dass es sich hier nicht um die Braut handelte, sondern um ihre Zwillingsschwester, die freilich - ins Farbschema der ganzen Hochzeit passend - gelb gewandet war. Sonnig gelb waren die Blumen, ebenso die Kleider der Brautjungfern und genauso die Halsbindeln (von Kravatten kann man nicht sprechen) des Bräutigams und seiner Entourage. All das passte wunderbar zum Himmel, denn der war - überraschenderweise - klar und sonnig.
Die Messe wurde von einem unglaublich fröhlichen dunkelhäutigen Priester durchgeführt, der es sichtlich auskostete, die vielen Mittelnamen der Brautleute auszusprechen. Kleinere Probleme gab es dann, als die Braut den vollen Namen ihres zukünftigen Mannes nachsprechen musste: dieser hat nämlich asiatische Wurzeln und seine Mittelnamen sind entsprechend kompliziert. Es brauchte einige Anläufe und Hilfestellungen des Priesters unter großem Gelächter der Kongregation und Liz und ich waren uns beide nicht ganz sicher, ob in all dem Tumult die Gelöbnisse überhaupt zuende gesprochen wurden. Ein zweiter Priester, der aussah als wäre er aus einem Rosamunde-Pilcher-Film entsprungene Dorfpfarrer, so passend war er besetzt, hatte einen Gastauftritt in welchem er zur Verdeutlichung des Ehebundes zuerst Sam und Claire über Handhaltung mit ihren jeweiligen Eltern zusammenband und danach miteinander. 'Tying the knot' put into practice.
Nur zwei Lieder wurden während der Messe gesungen - zu wenig, für meinen Geschmack - doch wir sangen alle fleißig mit.

Nach der Kirche gab es unvermeidbar langes Herumstehen mit Fotos und Konfetti, bevor man in einen kleinen Gemeindesaal fuhr, wo wir agapemäßig mit (analkoholischen) Sprudelgetränken begrüßt wurden und das Brautpaar erstmals ordentlich beglückwünschten.
Sehr nett fand ich, dass die Tische mit walisischen Ortsnamen bezeichnet wurden. Zusätzlich gab es auf jedem Tisch ein Foto von irgendeiner Örtlichkeit, die die Neuvermählten irgendwie verbindet: Sonnenaufgänge, Strand, die Uni,...war alles zu finden.
Gegenläufig zu Hochzeiten hier (glaube ich mich zu erinnern) gab es zuallererst einmal ordentlich zu essen*, sodass wir dann alle schön komatös dahingen, als die Reden losgingen. Brautvater und Brautmutter sangen ein Duett, das erstaunlich unpeinlich und ziemlich lustig war. Ersterer konnte es sich weiters nicht verkneifen, meinen Ausflug nach Bristol zu allgemeinen Belustigung zum Besten zu geben - allerdings nicht, ohne sich vorher über Tom meine Erlaubnis zu holen. Well...
Richtig rührend war jedoch Sams eigene Rede, da er so von seinen Emotionen überwältigt wurde, dass am Schluss beinahe der gesamte Saal in Tränen dasaß. So eine schöne Bräutigamsrede hatte ich noch nie gehört.

* Ich konnte nicht umhin festzustellen, dass die Kellner nur sehr wenig Ahnung davon zu haben schienen, was sie tun, und fühlte den inneren Drang in mir aufsteigen, ihnen zur Hand zu gehen. Doch ich saß brav still.



Die weiteren Feierlichkeiten vergingen ziemlich schnell: die Torte wurde angekratzt (und nicht sofort verteilt, was ich etwas irritierend fand, sondern stehengelassen*), einige Tische wurden sokobanartig verschoben, während die Hochzeitsgäste sich in der Bar mit weiteren Getränken versorgten und dann nach draußen traten, um a) die Sonne zu nutzen, b) endlich nicht mehr sitzen zu müssen und c) sich mit all denen zu unterhalten, die vorher weit weg saßen.

* sie wurde später zu kleinen Häppchen aufgeschnitten verteilt. Nachdem es sich dabei um die traditionelle und unvermeidliche fruitcake handelte, wie ich sie schon auf Herm kennenlernen durfte, fand sie erwartungsgemäß wenig Anklang und man hätte sie auch tatsächlich stehenlassen können.

Dann ging's wieder hinein, denn Claire spielt in einer sogenannten "Oompah-band", was beinahe 1:1 mit einem österreichischen Blasmusikensemble gleichzusetzen ist. Ich fand's total lustig und als sie als letztes Stück den Schneewalzer anspielten wäre ich am liebsten aufgesprungen um ganz traditionell im Walzertakt das Tanzbein zu schwingen. Die Idee scheiterte an der Walzerunkundigkeit der anderen Anwesenden. Das müssen wir noch üben.

Hernach wurde die Tanzfläche offiziell freigegeben und zu vom DJ gut gewählten Klassikern bewegten sich alle mit viel Schwung und Elan: immerhin galt es im Magen Platz zu schaffen für das Spanferkel, das einstweilen im Hinterhof befeuert wurde.

In kurzer Zeit wurde viel zu viel Essen (und erstaunlich wenig Süßgebäck) zur Verfügung gestellt, bevor zu meinem Erstaunen um 11 Uhr schon die ersten Leute ihre Taxis riefen. Ich erfragte, dass der Gemeindesaal um Mitternacht geschlossen werden müsse und begann den großen Aufbruch zu verstehen. Sehr schade, eigentlich, denn ich hätte locker noch 2 Stunden durchgehalten und Spaß gehabt, aber man passt sich eben den örtlichen Gebräuchen an.
Der Vorteil dieses frühen Endes ist, dass man sich die oft langen, trägen Morgenstunden erspart und weiters nicht erst zu Mittag fit ist (theoretisch - es sei denn man schläft auch in der zweiten Nacht trotz der good-night's sleep policy schlecht). Einzig: ich hatte mir so viel Hunger für die Käseplatte und die Antipasti aufgehoben, die es erst ab ca. halb 11 gab (sinnvoll!) und in deren Genuss ich vor lauter Tanzen und Tratschen nicht mehr kam, dass ich zum Frühstück nicht umhin konnte, mir ein Full English Breakfast angedeihen zu lassen und selbst dieses mich noch nicht komplett sättigte. Lesson learned - eat more, next time.

Persönliches Fazit:
  • Britische Hochzeiten sind sehr lustig - obwohl sich mir nicht ganz erschlossen hat, warum junge Männer ab einer gewissen Uhrzeit und einem gewissen Alkoholpegel ihre Kravatten vom Hals auf die Stirn verlagern müssen.
  • Es war wirklich toll, die ganze gang wiederzusehen und ich war erstaunt und berührt zugleich, als ich feststellte, dass ich als Fixpunkt selbiger betrachtet werde und meine Anwesenheit (scheinbar für den Großteil) so natürlich ist, als hätte ich gesamte 3 Studienjahre mit der Gruppe zusammen verbracht. Ein bisschen befremdlich auch, denn ich messe mir selbst meist weniger momentum in einer Gruppe zu und hätte mich höchstwahrscheinlich niemals zu der Hochzeit eingeladen, - aber großteils schön.
  • Ein Wochenende im UK ist nicht lang genug, um wieder schön in den Lebensstil dort reinzufallen, aber das war klar und es gibt schon Pläne für eine Wiederkehr.


Ties look just as good on girls

Monday, May 27, 2013

Haste to the Wedding

Wieder einmal trägt ein Blogeintrag den Titel eines Lieds und selten hat er so gut gepasst.

Heuer scheint das Jahr der Hochzeiten zu sein und als Auftakt hatt ich die überraschende Ehre zur Hochzeit meines Mitbewohners Sam aus Bangorzeiten geladen zu sein. Diese fand - weniger überraschend - auf der Insel statt; genauer gesagt in Leicester (Für die, die's nicht wissen: man spricht das als /lesta/ aus). Obwohl ich nun ja ordentlich berufstätig bin, ging es sich aus, einen Kurzausflug übers Wochenende zu planen...

Die vergangenen Wochen waren stressdurchzogen und die Hochzeit passte mir eigentlich mehr schlecht als recht in den Zeitplan und so kam es, dass ich am Freitag, pfuschmäßig vorbereitet und den Kopf noch voller lateinischer Phrasen, direkt von der Arbeit in Richtung Flughafen hastete. (Meine Schuhe waren zum Glück am Vorabend noch angekommen und ich war kurz vor Ende der Öffnungszeiten zu meinem Postpartner geeilt, um sie ihnen einen Tag vor Abholzeit abzuknöpfen. Was glücklicherweise gelang.)

Am Flughafen rügte mich zuallererst der Schalterbeamte, weil ich a) nicht online eingecheckt hatte und b) 5 Minuten vor Eincheckschluss bei ihm aufkreuzte. "In 40 Minuten schließt das Gate.", ließ er mich mit vorwurfsvollem Unterton wissen. Aha. Ich gedachte sowieso nicht zu trödeln.

Ich erreichte den Flieger natürlich mehr als pünktlich und landete planmäßig in Gatwick. Dort sofort zur Ticketmaschine um die vorgebuchten Zugtickets nach Leicester abzuholen, als mir Übles schwant: Ich habe meine Railcard nicht mitgenommen. Ohne Railcard sind die Tickets nicht gültig und mir wurde beinah schlecht bei dem Gedanken, mir jetzt Vollpreistickets kaufen zu müssen, die man am Reisetag für gewöhnlich nur zu horrenden Preisen erhält.
Ich hatte noch eine Stunde Zeit, gravitierte naturgemäß Richtung Costa's um mir dort einen Kaffee zu holen (und festzustellen, dass auch meine Costakarte zuhause liegen geblieben war). Der Kaffee brachte meine Hirnzellen wieder in Schwung und schoss mir eine Erinnerung zu: In meinem Kalender (den ich ebenso beinahe zuhause gelassen hätte) befand sich die Rechnung für meine Railcard. Aus guten Gründen hatte ich diese noch nicht entsorgt und aus wirklich unerfindlichen Gründen befand sie sich in diesem Kalender. Die Aufschrift belehrte mich, dass ich dieses receipt benötige, sollte ich Ersatz anfordern wollen. Ja! Wollte ich!

Ich trank den Kaffee aus und machte mich daran, den Mann beim Ticketschalter dazu zu bringen, mir aus meiner misslichen Lage zu helfen.
The only option you have is to buy full-price tickets.
But the receipt says that I can use it to get a replacement for my railcard.
No, you cannot.
Why does it say so, then?
etc
etc.
... 
Ok, I have to ask...

The importance of being persistant...

Mit einem Formular kam der Mann zurück und ich füllte es brav aus
Do you have a passport-sized picture?
Mist. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht.... Doch! Oh Wunder! Auch meinen alten Studentenausweis hatte ich aus Faulheit noch nicht entsorgt, also nahm ich ihn jetzt aus der Tasche, riss das Foto mit dem Unistempel herunter und reichte es dem mich etwas seltsam anblickenden Mann.
Diese gesamte Transaktion nahm viel mehr Zeit in Anspruch, als ich gehofft hatte und ich starrte schon die ganze Zeit nervös auf den Bildschirm: Zug fährt um 18:47. Es ist 18:45.
Endlich bekomme ich die Karte ausgehändigt, sprinte los, durch die Sicherheitsbarrieren, über den Steg zum Bahnsteig und schaffe es gerade noch, in den Zug zu springen. Erst dort entspanne ich mich und beschließe, die halbe Stunde Zugfahrt durch Zeitungslektüre zu überbrücken.
An diesem Tag stellt sich das allerdings als großer Fehler heraus, denn als ich eine halbe Stunde später in London, St. Pancras aussteige steht auf dem riesengroßen Schild vor mir nicht etwa "London, St. Pancras", sondern - viel kürzer - "Brighton".
Es vergehen etwa 5 Sekunden vollkommenen Unverständnisses und 5 Sekunden, in denen ich mich frage, ob irgendeine Station in London vielleicht zufällig "Brighton" heißt, doch dann schlägt die Realität in Form einer kühlen Meeresbrise zu: Ich bin an der Küste gelandet... Das erklärt auch die Jugendgruppe mit den Sommerhüten.

Innerlich greife ich mir ans Hirn, während ich äußerlich schon die hilfsbereiten Bahnhofsangestellten anspreche, die mich auch gleich auf den nächsten Zug zurück verweisen, der natürlich "jetzt" abfährt. Also nochmal ein Sprint. Diesmal klappt auch der Umstieg und um halb 11 Uhr abends lande ich endlich in Leicester, wo Tom mich abholt und, geleitet vom schnellsten Navi aller Zeiten, zum Hotel bringt. Beim Check-In kann der Portier nicht anders, als die "Brutalität meines Nachnamens" zu kommentieren und zu belächeln, bevor er mich fragt, ob ich um die "good-night's sleep policy" wisse. Auf mein Stirnrunzeln hin erklärt er mir, dass das Hotel dafür Sorge tragen will, dass ich gut schlafe. Aha.

Lou, Liz und Will sind im selben Hotel einquartiert und nach einer ehrlich-herzlichen und überschwänglichen Begrüßung drückt man mir eine Dose kühlen Ciders in die Hand, mit dem ich mich auf deren Bett niederlasse und beim Austausch von Neuigkeiten endlich ganz ankommen kann. Doch noch rechtzeitig, um bis zur Hochzeit wieder hergestellt zu sein.

(Gut geschlafen habe ich übrigens trotz des Versprechens des Portiers nicht ...)

Monday, March 18, 2013

Dance, dance, wherever you may be...*

Wie die meisten Irlandfreunde oder feierwütigen Menschen nun auch hierzulande wissen, ist der 17. März der irische Nationalfeiertag; der Tag, an dem man den heiligen Patrick feiert, der die kleine smaragdgrüne Insel von Schlangen befreite und christliche Lehren bei den Inselheiden verbreitete.
Der Tag, an dem Menschen auf der ganzen Welt sich ihrer (oft weit zurückliegenden) irischen Wurzeln besinnen, welche erfinden, oder einfach ihre Begeisterung für den irisch-keltischen Kulturkreis zum Ausdruck bringen.

Auch in der Weltstadt Wien und Heimat vieler diasperierter Iren darf dieser Tag (eigentlich das ganze Wochenende) nicht unauffällig vorüber ziehen, sondern wird groß angepriesen: es wird grünes Bier geben! Es wird irische Musik geben! Guinness und Whiskey werden in Strömen fließen! Und natürlich darf auch irischer Tanz nicht fehlen...

So begab es sich eines überraschend warmen Montagabends, der die kalte Woche vor dem noch kälteren St. Patrick's Day einleitete, dass sich zu Zwecken der Werbung mehrere Tänzerinnen (und ein Tänzer) unabhängig voneinander im Wiener Jonasreindl einfanden und dort nacheinander zu tanzen begannen:



Die letzten Töne verklingen, die tanzende Menge geht ohne Aufhebens auseinander und verschwindet, Aufmerksamkeit und Applaus waren ausreichend vorhanden.

Wir waren zufrieden, denn diese Aktion war ein guter Anfang für eine spannende Woche, die für manche von uns ganze 8 Auftritte beinhalten sollte: Wir tanzten nicht nur in der U-Bahnstation, sondern auch im Orpheum, in Langenzersdorf, in Traiskirchen, in einem eigens für den St. Patrick's Day errichteten Festzelt neben dem Wiener Burgtheater, etc.  Da soll noch jemandem langweilig werden, nebenbei.

on stage

Samstag war der heftigste Tag. Wir beluden unseren "Tourbus" mit Kleidung und Nahrung, um effektives Stage-hopping betreiben zu können. Trotz Hindernissen, wie sich schließenden Brandschutztüren, schafften wir es rechtzeitig zu jedem Auftritt und tanzten uns dort die Füße heiß und stellten neue Rekorde im Schuhewechseln auf.


 
Lugner City


Stärkung zwischen den Auftritten: alles, was das Sushiband zu bieten hat.

Backstage jokes and laughter

Ruhepause.

Getting ready for the midnight show...

..even though we were already tired...

Midnight drunken-jig (das Foto ist ausgeborgt)

Wir hatten viel Spaß - das Publikum hoffentlich ebenso, und ich nutze diese Gelegenheit gleich für eine Werbeeinschaltung: Wen's jetzt gelüstet, selber mal den Boden zu treten, der ist bei der Shamrock Dance Company Vienna jederzeit zu einer Schnupperstunde willkommen. Wir freuen uns immer über neue Mitglieder!

Es war eine geniale, spaßige Woche und obwohl es in meinen Beinen zieht, ist meine Motivation ungetrübt! Allerdings muss fürs erste mal meine Rumpelkammer wieder bewohnbar gemacht werden und etwas normalere Tagesabläufe dürfen mein Leben strukturieren. Doch nicht lange, denn all die Ideengeburten der letzten Tage warten darauf, genährt zu werden - auf dass es bald wieder spannende Auftritte gibt. Außerdem bekäme ich wohl Entzugserscheinungen, wenn ich jetzt all die lieben TanzkollegInnen länger nicht zu Gesicht bekäme...

Schuhstern



*...I am the Lord of the Dance, said he etc. Das Lied, mit dem man/sich Michael Flatley's Irish Step Gruppe assoziiert

Friday, February 01, 2013

Unbesiegt

This is a poem I read and interpreted with my class of 14-year olds in Ladakh. We went through it in so much detail and I re-read it to the blind students often enough to almost come to know it by heart. Like so many things that once observed closely become interesting and important to somebody, it became meaningful to me.
It resurfaced in my mind a few days ago and I felt the wish to share it and conserve it here in case I want to look it up again.


Invictus (W.E. Henley)

Out of the night that covers me,
Black as the pit from pole to pole,
I thank whatever gods may be
For my unconquerable soul.


In the fell clutch of circumstance
I have not winced nor cried aloud.
Under the bludgeonings of chance
My head is bloody, but unbowed.


Beyond this place of wrath and tears
Looms but the Horror of the shade,
And yet the menace of the years
Finds and shall find me unafraid.


It matters not how strait the gate,
How charged with punishments the scroll.
I am the master of my fate:
I am the captain of my soul.

Saturday, January 26, 2013

Wintry days in Wales

Dieser Beitrag ist einer der längeren Art, weil ich zu faul bin, die erlebten Tage in einzelne Geschichten zu packen. Er schmückt sich dafür mit Bildern, die den Text in kleinere Happen unterteilen. Außerdem hab ich mir die Mühe gemacht, mehrere Links als sonst einzustreuen. (Die dünkler roten Worte kann man also anklicken, wenn man mehr Info mag.)

Cardiff / Caerdydd ist auch beim zweiten Besuch noch eine wunderbare Stadt, in der es mir nicht gelingen will, mich unwohl zu fühlen. Das Hostel (Riverhouse Backpackers) kannte ich schon, hatte ich gut in Erinnerung und kann ich wegen der tollen Lage (nahe dem Hauptbahnhof, nahe dem Schloss, nahe dem Stadion, gleich am River Taff), der großartigen Atmosphäre, der - bisher von keinem anderen Hostel überbotenen - Sauberkeit und des großartigen Frühstücks absolut empfehlen.

Den ersten Tag war ich allein unterwegs.


Animal Wall bei Cardiff Castle



zur freien Interpretation
(dahinter: Cardiff Bay)




Statue eines Kohlewerkarbeiters verweist auf die Geschichte von Wales
und die Bedeutung des Hafens von Cardiff für den weltweiten Kohlehandel


Mit mir im Zimmer war Renee, eine Australierin auf Europatour, wie so viele es sind. Die Rezeptionistin hatte ihr offenbar von mir erzählt (warum auch immer) und sie sprach mich gleich an. Schon war ich nicht mehr allein, wir plauderten, aßen gratis Pasta und ich fragte sie, ob sie sich mir am nächsten Tag zu einem Ausflug anschließen wolle.

Nicht recht weit von Newport / Casnewydd entfernt liegt Caerleon, wo die römische Legio II Augusta, als sie 75n.Chr. in Wales landete, eine Militärstadt namens Isca baute. Es gibt dort ein Amphitheater, Badeanlagen, ein Römermuseum voller toller Funde und die europaweit besterhaltenen Grundmauern von Soldatenunterkünften. Ich kann nicht glauben, dass mir das bei meinem letzten Ausflug nach Südwales nicht sofort ins Auge gesprungen ist! Grund genung, einen Tagesausflug einzuplanen.

Das Verkehrsnetz in Südwales ist recht gut und die Möglichkeit von Cardiff nach Newport (oder auch raus aus Wales) zu fahren bekommt man mit dem Zug etwa im 10-Minutentakt. Wir brauchten keine volle Stunde, um das kleine Dörflein zu erreichen.

Vieles dort ist sehr römisch: Fassaden...


irgendein Haus
... ein Café mit (unrömischem) Skulpturengarten...
Das Café preist sich auch als ehemaliger Standort der Porta Praetoria - des Eingangs zum Militärlager




Figurengruppe, die irgendwas mit König Arthur zu tun hat


Massive Welsh Love Spoon
(Der walisische Verehrer schnitzte traditionell für die Angebetete einen hübschen Löffel zum Zeichen seiner Liebe)

.. das Amphitheater. Dieses war schneebedeckt, aber darum nicht minder interessant. Ok, das in Carnuntum ist beeindruckender, aber dort war ich eh schon seit einer Weile nicht mehr




Dass Schnee lag und es saukalt war, konnte ich durch die interessanten Bauten recht gut ignorieren, doch meine Winterschuhe mit dem allwettertauglichen Profil und warmem Innenfutter hätte ich nicht missen wollen. Während Renees Lederstiefel Wasser aufsaugten und sie sehr oft ums Gleichgewicht zu kämpfen hatte, stapfte ich trittsicher durch Schnee und Matsch.

Die Militärbaracken fand ich spannend und stellte fest, dass meine mageren archäologischen Fähigkeiten mich noch nicht ganz verlassen haben und ich Orte wie Kochstätten und Latrinen nach wie vor identifizieren kann.


Unterkünfte der Soldaten


Die Badeanlagen waren leider nur zu einem Drittel ergraben, doch dieses Drittel war gut aufbereitet und dank Cadw kostenlos zugänglich, sowie das Museum, in dem sich hauptsächlich Steine mit Inschriften und andere, sehr interessante Fundstücke befinden. Interessant deshalb, weil es nicht dieselben faden Vasen sind, die man eh überall zu sehen kriegt, sondern weil es auch ein paar spezielle Dinge gibt, wie die folgenden:



Boden eines Kruges mit Künstlersignatur:
"Chresimus fecit" (= Chresimus machte dies)


Holzstück mit Aufzeichnungen über die Aufgaben der Soldaten



Brotstempel - noch nie gesehen, sowas

Die Besuchertoilette ist auch nicht uninteressant


Zurück in die große Stadt, wo wir uns bei einem Kaffee der Kette Costa (die mich mit ihrem guten Kaffee immer wieder lockt) aufwärmten und zurück ins Hostel.

Abends kam dann Patrick extra aus England / Lloegr angereist, damit man sich a) wieder mal sehe und b) man Cardiff gemeinsam erkunden könne. Am nächsten Tag stieß auch Vicky, die ich schon seit über 2 Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu uns und wir pilgerten auf Umwegen zu Cardiff Bay / Bae Caerdydd.
Im Museum Techniquest erzählte man uns, dass wir ab 14:00 günstiger reinkämen, und so flohen wir vorerst vor dem Schneeregen in ein Café, wo wir beobachteten, wie die Sicht immer schlechter und der Schneefall immer stärker wurde. Um 14:00 allerdings waren wir zurück und man ließ uns tatsächlich schon günstiger rein, obwohl die 14:00 Information sich als Fehlinformation herausgestellte und wir bis 15:00 hätten warten müssen. Aber wir waren halt lieb und charmant und man machte eine Ausnahme.

Die nächsten 2,5 Stunden vergehen bei viel Gekudere, als wir uns den kniffligen physikalischen Aufgaben stellten, aus denen das Museum sich zusammensetzt: Es gibt viele Stationen, an denen man herumprobieren kann und Phänomene wie Magnetismus, Klangwellen, etc. spielerisch erkunden kann und dann erklärt bekommt. Eigentlich richtet sich das ganze eher an Kinder, aber wir hatten viel Spaß und blieben, bis man die Leute rauszuwerfen begann.


Get the disks to spin on the spinning table.


Ta-DAH! Nach ungefähr 30 Anläufen und wiederholter Ablehnung
von angebotener Hilfe stand da ein Würfel


Ich fand einen ebenbürtigen Gegner. Er hatte Spaß. Ich auch.


Krantechnik für fortgeschrittene Andersdenker


Abends verabschiedeten wir uns von Patrick, den die Arbeit zurückrief und stiegen in einen Zug, der uns weiter ins Innere von Wales brachte. Genaugenommen nach Merthyr Tydfil. Dort addressierte mich ein junger Mann, der vorher schon im Zug ständig herübergestarrt hatte:

Oi! Luv!
You seein' somebody?
Sorry?
You seein' somebody?
Yess.
Yes?
Yes. Back in Austria. Where I live.
Shame. You know: If water were beauty, you would be the ocean.

Da er auf seinen Satz so stolz war und/oder ich nicht interessiert war, trug er ihn auch Vicky ganz stolz vor. Hach. Wales. Land der Poeten! Lachend verabschiedeten wir uns. Ein Taxi (ohne Winterreifen) brachte uns zu Ty Taf Fechan, dem B&B von Vickys Eltern, in dem ich zwei Nächte als Gast verbringen durfte. Das Haus ist eine alte versetzte Kirche (ohne Turm), die man nach der Aussterben der Gegend zu einem Wohnhaus umgebaut hatte.


Ty Taf Fechan

Sie steht im Brecon Beacons National Park und hat viel Charme, der in dieser eisigen Jahreszeit vor allem vom Kamin im Wohnzimmer ausgeht. Vickys Eltern haben mit viel Liebe Gästezimmer gestaltet, die durch die dezent färbigen Kirchenfenster an Flair gewinnen. Die malerische Landschaft rundherum macht das Bild perfekt.

An meinem letzten vollen Tag in Wales wandelt sich endlich das Wetter: die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel und der Schnee leuchtet uns an. Vicky und ich halten's drin nicht aus und ziehen uns warm an (8 Schichten, in meinem Fall: vermutlich ein persönlicher Rekord), bevor wir uns in die Schneewehen stürzen. Eigentlich wollen wir den Hügel gegenüber dem Haus erklimmen und dann noch weiter wandern, doch durch den Schnee, der uns teilweise bis übers Knie reicht, kommen wir nur sehr langsam voran.


"There's bound to be a path somewhere!"

In den Brecon Beacons gibt's auch ein Truppenübungsgebiet. Diese Schafweide gehört nicht dazu.


Schneewandern... äh...-kriechen
 

Das Wasserreservoir hinter dem Haus



Wunderschön, diese Winterlandschaft. Leider auch sehr kalt. Trotz meiner acht Schichten und meiner Schneeschuhe wird mir schnell kalt und ich kann mich auch am knisternden Feuer des Kamins nicht mehr so recht erwärmen. Die heiße Dusche und die Heizdecken in den Betten schaffen es schließlich doch.

Leider war dies ein viel zu kurzes Vergnügen in den Brecon Beacons, denn nach 2 Nächten ging es schon wieder heimwärts. Wider Erwarten und trotz Schnee waren alle Züge und auch der Flieger pünktlich und, wieder heimgekehrt, erfreute ich mich von ganzem Herzen an der österreichischen Wohn- und Bauqualität, den gut isolierten Häusern, den dichten Fenstern und der Tatsache, dass mir mit nur 1-2 Schichten Kleidung auch warm ist.
Wales / Cymru hat es dennoch wieder mal geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Da Vickys Eltern mich zur Wiederkehr im Sommer eingeladen haben und ich meine Railcard zum letztmöglichen Mal verlängert habe, wird das Land mich vermutlich heuer nochmal sehen.
Hwyl fawr am y tro, Cymru! Bis bald!






Monday, January 21, 2013

Luggage is overrated anyway

Weiter ging meine Reise - immer noch gepaecklos.
Man hatte mir Kleidung geborgt, eine Zahnbuerste hatte ich sowieso schon und Samstag Vormittag nutzte ich, um gleich einmal einkaufen zu gehen und mich mit toller neuer Kleidung sowie diversen Hygieneartikeln einzudecken.
Dann ging's nach York, wo die Zeit mit Nas bei Millionen philosophischer Debatten in diversen Pubs verflog, sodass wir die Oeffnungszeiten fuer den Minster (gut, hatte ich eh schon gesehen) und den Haunted Walk knapp versaeumten und uns stattdessen eine Zombieserie namens Walking Dead ansahen.

Der naechste Tag fuehrte mich zurueck nach Leeds, mit der schmalen Hoffnung, dass mein Gepaeck in der Zwischenzeit zu Tom geliefert worden sein koennte. War es natuerlich nicht. Wir trafen uns dennoch auf einen Tee, ich retournierte die Leihwaren, bekam eine Fahrradklingel geschenkt und setzte mich in den Zug nach Cardiff.

Je weiter suedlich der Zug faehrt, desto mehr Schnee liegt. Ich steige in Cardiff aus und friere. Die 300m zum Hostel scheinen ewig lang und ich komme als Eiszapfen an. Ein Koenigreich fuer eine Haube! Oder eine heisse Dusche. Letzteres zumindest ist sofort moeglich. Die freundliche Rezeptionistin ist ganz bestuerzt von meiner Unglueckslage, an die ich mich schon laengst gewoehnt habe, und bietet an, mir mit allen Dingen auszuhelfen, die ich eventuell brauchen koennte, doch alles was ich brauche ist ein Badetuch und das laesst sich mieten. Einmal heiss duschen (bei Licht und in einer echten Dusche*) Glueck ist perfekt.

*man kennt ja schliesslich auch anderes

...

Eine Nacht ausschlafen und was hat der Weihnachtsmann gebracht? Meinen Rucksack! Ich freue mich, doch als ich ihn hochtrage, aergere ich mich beinahe, dass ich ab jetzt viel mehr Gepaeck mit mir herumschleppen muss. Zudem noch unnoetige 12 Packungen Mannerschnitten, 3 Pkg. Drageekeksi, ein Buch und einen Liter Wein, die ich alle eigentlich laengst hatte loswerden wollen.
Naechstes Mal werde ich also mit deutlich reduziertem Gepaeck reisen - seit Indien kann ich das ja.

Und jetzt her mit der Haube und dem warmen Pulli und ab in die Kaelte! Cardiff will erkundet werden!

Saturday, January 19, 2013

A journey covered in snow

Von allen moeglichen Wochen dieses neu angebrochenen Jahres habe ich mir vermutlich den unguenstigsten Zeitpunkt ausgesucht um irgendwohin zu reisen: Frau Holle schuettelte ihren Schneepolster ueber dem Wiener Flughafen und genauso ueber Grossbritannien, sodass ich gestern den gesamten Tag am Flughafen verbrachte, unwissend, ob ich ueberhaupt das Land verlassen koennen wuerde.

Waehrend meiner Wartezeit telefonierte ich meinen Handyakku leer, um eine Uebernachtungsmoeglichkeit in Manchester aufzutreiben, doch meine Privatsekretaerin (sonst hauptberuflich meine Schwester) leistete wie gewohnt hervorragende Arbeit und innerhalb einer Stunde meldete sich eine Couchsurferin bei mir per SMS.

Abends wurde die Schneesperre dann aufgehoben, wir stiegen endlich ins Flugzeug ein, es wurde mit einem grauslichen, orangefarbenen Mittel abgeduscht zwecks Enteisung und reichlich verspaetet ging's schliesslich los. Zuerst mal nach Frankfurt, wo mir innerhalb der ersten 5 Minuten, die ich zur Orientierung benoetigte, klar wurde, dass mein Gepaeck den Anschlussflieger wohl nicht erreichen wuerde. Ich hatte Glueck, dass ich selbst es schaffte.

Auch dieses Flugzeug wurde enteist und flog dann problemlos. In Manchester keine Ueberraschung: Mein Gepaeck war nicht mitgekommen. In meinem Handgepaeck befinden sich 2 Buecher, 1 Zeitung, 2 Notizbuecher und eine Flasche Wasser.
Um halb 2 Uhr nachts erreichte ich Manchester Picadilly Station und stieg in ein Taxi zu meiner Herbergsgeberin. Kirsty McGee war gerade von einem Konzert heimgekommen und empfing mich mit einem Haeferl heissen Jasmintees: genau, was ich brauchte. Als sie sah, dass ich kein Gepaeck dabei hatte, gab sie mir sofort Handtuch, Pyjama und eine Zahnbuerste - die Welt ist gut.
Wir plauderten nett und lange, sie schenkte mir eine CD (eine grossartige CD. Ich haett sie signieren lassen sollen, ich Idiot. Aber mein Hirn war da schon abgeschaltet.) ich schlief gut und lange und nahm dann schnell Abschied, um mich mit Tom in der Stadt zu treffen.



Schnee ging auch heute auf Grossbritannien nieder und mein Tag in Manchester wurde hauptsaechlich in Cafes bei Halbliterhaeferln besten Schwarztees verbracht. Man hatte schliesslich genug Plauderthemen, um die Zeit zu vergessen.
Noch schnell einen Abstecher zu HMV gemacht (damn you - DAMN YOU, HMV!) und ein bisschen trivia gespielt:

You know what HMV stands for?
No....erm.... Her Majesty's ... Videoshop?
*laughs* nah. His Master's Voice.
Aaah, darum also der Hund mit dem Grammophon. Alles klar.

Wir nehmen Abschied von Manchester und das winterreifenlose Auto bahnt sich irgendwie einen Weg zum Kino. Die spontane Entscheidung, Les Miserables eine Chance zu geben war eine gute! Dehydriert (ausser um die Augen herum) verliess ich den Kinosaal. Russel Crows Stimme hat mir nicht imponiert, aber wir wollen mal nicht ueberkritisch sein.

Mein Gepaeck hat es uebrigens noch immer nicht geschafft, mich zu finden, doch morgen geht meine Reise schon weiter nach York. Ich hoffe sehr, dass es mich irgendwann einholt, sonst muss ich noch einen groesseren Einkauf taetigen... Das stellt zwar an sich kein Problem dar und es ist auch nicht unangenehm, nicht den ganzen Tag 10kg am Ruecken zu tragen, doch mir waere schon recht, meine Sachen wieder zu bekommen. Vor allem mein Handyladegeraet...

Der Schnee soll bleiben und hat offenbar vor allem Suedwales im Griff. Ich bin also gespannt, was mich die naechsten Tage erwartet... Wandern ist wohl vom Plan gestrichen, wie es scheint.

Wednesday, January 09, 2013

The next pair

Sometimes strange things happen. I left the usb-stick that supports me with tolerable internet at my parents'.
I was faced with a whole evening to myself. What to do? So much time and nothing to beat it to death with!

So I deep cleaned my room.

I filed stuff that badly needed filing.

I tried all my pens and threw out those that don't work anymore.

And I sat down and made a new set of earrings out of some Chinese coins I'd found and some bits and pieces from the big box where I keep all sorts of trash for occasions such as this one.

Here's the result:


Monday, December 24, 2012

One christmas was so much like the other...

Obwohl laut Dylan Thomas alle Weihnachten gleich sind, sind sie doch immer wieder schön - hoffe ich. Persönlich empfinde ich es als Erleichterung, dass Weihnachten jetzt da ist und ich meine langersehnten Familientage bekomme. 
Ich wünsche euch allen ein ebensoschönes Fest bzw. eine ebensoschöne Zeit und schenke euch dazu noch ein Gedicht.
 

Weihnachten

Liebeläutend zieht durch Kerzenhelle,
mild, wie Wälderduft, die Weihnachtszeit,
und ein schlichtes Glück streut auf die Schwelle
schöne Blumen der Vergangenheit.

Hand schmiegt sich an Hand im engen Kreise,
und das alte Lied von Gott und Christ
bebt durch Seelen und verkündet leise,
dass die kleinste Welt die größte ist.

(J. Ringelnatz)

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Schöne Weihnachten, allseits! 

 

Monday, December 17, 2012

Hats on - Winter is coming

Eine gute Möglichkeit dem Stress ein Schnippchen zu schlagen (wenn auch nicht die entspannendste, wie meine Schulter und mein Nacken zu vermelden wissen) ist das Stricken, eine großmütterliche Tätigkeit, die in den letzten Jahren viel Aufwind erfahren hat, sodass von motivierten Stricksüchtigen ganze Bäume und Brückengeländer im guerilla knitting eingestrickt wurden. Kann man, muss man aber nicht.

Ich bleibe lieber beim konventionelleren Stricken und fabriziere Textilien, die man dann auch wirklich verwenden kann. Um endlich über das Einsteigerlevel von Schals und Pulswärmern hinauszukommen, beschloss ich heuer, mich zu einer neuen Schwierigkeitsstufe fortzubilden: dem Socken. Genauer gesagt: dem Stutzen, denn die halten großflächiger warm. Wenn die liebe Mutter weder über Zeit, noch Lust, noch Erinnerung verfügt, mich zu instruieren, müssen eben die neuen Lernmedien herhalten: auf YouTube gibt es praktischerweise einen Strickkanal von Nadelspiel, über den man vom beginnenden Maschenanschlagen, über ganze Hauben bis zu Socken und vermutlich tausend anderen Dingen alles lernen kann. Der ist richtig gut.

Mein Strickprojekt sollte eigentlich nur ein Paar Stutzen und eine Haube umfassen, damit ich das eben lerne, doch kaum hatte ich einem Freund von diesem neuen Zeitvertreib erzählt, kam er schon mit der Idee, ich könne Hauben auf Bestellung anfertigen. Are you implying that you want one? - Well, I wouldn't say no...
So kam es, dass ich in 3 Wochen fünf Hauben strickte - vier davon nicht für mich. Jedenfalls konnte ich dadurch etliche Muster ausprobieren und hier sind die Resultate:



Tom's hat
Modell Stanzin Angmo - in den Mahabodhifarben (Zufall)

Modell Nas - in rot-schwarz gewünscht
(ich hoffe, er schaut hier nicht rein, denn er hat sie noch nicht)











































Beanie fürs Schwesterl

















Mit dem Versand all dieser hat das Strickprojekt allerdings vorerst ein Ende; zumindest so lang, bis meine Schultern nicht mehr verspannt sind, oder die Sucht wieder zuschlägt. Oder bis ich neue Handschuhe brauche.

Tuesday, December 11, 2012

A Sunday Midnight Sketch

A mask           
under it honesty, naked
pure character
pure being
feeling
a heart, beating.
no words.

A mask
safe and secure
hide-out of fear, soft cushion to the world.
the soul veiled,
protected
by a finely-spun web of made-up truths
to create an acceptable face.
placet.*
placeo.

A beautiful mask
character corrected
impuls softened
spirit restrained.
tension.
can't breathe.

Displicet!**
Displace it!
Stand naked
- be free


*placet (lat.) = it pleases, placeo = I please
** displicet (lat.) = it displeases

Saturday, December 01, 2012

Kerzenschein statt Bildschirmflackern

Die Nacht vor dem ersten Dezember ist ein Datum, das ganz gut passt für diesen Blogeintrag.

Heute war ein stressiger Tag: Früh aufgestanden - ab in den Zug und zum ersten Ort des Tages gehetzt und dort die ersten zarten Fäden eines bald benötigten Netzwerkes gesponnen - Mittagessen und weitere Netzwerkungen, dann ab in den Zug zum nächsten Ort gehetzt, um dort auch noch körperlich angestrengt zu arbeiten. Schließlich (abends) erschöpft in der überfüllten Bim nach Hause. Eine Stunde Zeit, um ein paar Dinge zu erledigen und dann ab auf's Rad und Leute treffen.

Eigentlich wollte ich absagen. Alles schon wieder viel zu stressig. Warum ist der Tag so voll? Und warum waren alle (wie viele? viele...ich zähle nicht mehr) davor es auch? Warum sind mir in der Früh die Worte eines weisen Freundes 'Be careful not to wear yourself out.' durch den Kopf geschossen, mit dem Zusatz 'Achtung, er hat nicht Unrecht.'?
Ich war knapp davor, mein abendliches Treffen abzusagen und hätte es wohl auch getan, hätte es sich nicht um einen Bekannten gehandelt, den ich das letzte Mal vor eineinhalb Jahren gesehen habe, weil er in Rumänien wohnt, wo er mich damals beherbergt hat. Jetzt ist er kurz in Wien. Eine fast einmalige Gelegenheit, wieder mal Geschichten zu tauschen. Also Zähne zusammenbeißen, ab aufs Rad und los geht's.

Meine Disziplin sollte Früchte tragen, denn als ich mich in einem halbstündigen Fastmonolog über meine grandiose Zeit in Indien heiser sprudelte, kehrten viele mittlerweile gedankengrasbewachsene Erinnerungen zurück:
Wie viel Zeit ich dort hatte! Wie viel Muße! Wie schön es war, kein Mobiltelefon zu verwenden und auch nur alle paar Tage Zugang zum Internet zu haben. Wie sehr ein disziplinierter Schlafrhythmus und frühe Morgenstunden zum Wohlbefinden beitragen.
Wie unnötig ist außerdem diese Hektik, die alle hier an den Tag legen und in die ich mich schon wieder reinsaugen hab lassen, obwohl ich das ja um jeden Preis vermeiden wollte und obwohl ich momentan nicht die geringste Ausrede dafür habe, mich auch nur irgendwie stressen zu lassen!

Ich wurde erinnert an einen nicht zu weit zurückliegende Zeitabschnitt, als ich mit den Leuten um mich herum tatsächlich gesprochen habe, anstatt a) entweder gleichzeitig am Computer festgewachsen zu sein, um damit die Zeit zu verdreschen, bis sie stirbt, oder b) in den öffentlichen Verkehrsmitteln mich mit Musik aus meinem Umfeld gestöpselt und auf der Klangwelle weggespült zu haben.

Diese und noch mehr Gedanken keimten während des Gesprächs auf und ich erschrak darüber so sehr, dass die nächsten ruhigen Nachdenkminuten (auf der Toilette - dort hat man immerhin noch sowas wie Zeit) mich zu folgendem Beschluss brachten:

Die Zeit vor Weihnachten soll eine besinnliche sein. Eine, in der man sich auf's Weihnachtsfest einstellt - und zwar nicht im kreditkartenbelastenden Sinne. Ich habe beschlossen, für die gesamte Adventzeit meine Internet- und Handynutzung aufs Allernotwendigste zurück zu drosseln - ersteres nur einmal täglich kurz zum Emailabruf und der etwaigen Informationsbesorgung zu verwenden und letzteres nur für wirklich nötige Anrufe und Nachrichten. Die dadurch entstehende Zeit will ich dafür wieder umso bewusster und sinnvoller zu nutzen. Ohne unnötige (weil unbewusste) Musikbeschallung. Ohne unnötigen (weil unbenötigten) Input. Dafür mit innerer Ruhe und einem freien Kopf.
Vielleicht backe ich, vielleicht mache ich ausgedehnte Spaziergänge, vielleicht bastle ich mir einen Adventkranz und genieße das Kerzenlicht, während ich einfach nur in die Luft schaue. Alles ist möglich.

Ich wünsche euch auf jeden Fall einen schönen Advent! Vielleicht wollt ihr euch ja auch nicht stressen lassen.

Friday, November 23, 2012

Speziell für Sie: Ofenfrisch aus der Mikrowelle

Ein Phänomen, das mir immer häufiger unterkommt und dessen wachsende Absurdität mich zu einem erbosten Aufschrei anstachelt, ist die relativ neue Mode, Konsumenten (vorwiegend) Backwaren in gewärmtem Zustand zu verkaufen. Warm = frisch; auch, wenn das Gut, um das es sich handelt vielleicht schon mehrere Tage lang auf dieser Welt war.

Und überhaupt ist warm scheinbar viel besser zu bewerten als kalt. So hat man mir, in einer von mir sehr geschätzten Bäckerei, eine Marzipankolatsche mal freudig lächelnd mit den Worten 'Die ist ganz frisch aus dem Ofen!' verkauft. Blöderweise wollte ich sie gleich essen,  mag aber kein warmes Marzipan und bekomme außerdem von warmen Backwaren - besonders den vollkornhaltigen - sehr leicht Bauchweh. Meine Freude hielt sich also in Grenzen.

Dass das bei einem Bäcker passiert, ist ja nun kein Wunder: immerhin wird dort den ganzen Tag lang Gebäck frisch aufgebacken, damit die Kunden das Frischeste vom Frischen bekommen. (Ich untergrabe das Konzept und kaufe die (garantiert nicht warmen) Waren vom Vortag zum halben Preis. Ha-ha. Doppelsieg!)

Viel schlimmer jedoch finde ich die Unsitte, mittlerweile alles in die Mikrowelle oder den Toaster zu legen, was eine derartige Wärmebehandlung überlebt. Oder eben nicht.
Als ich das erste Mal gefragt wurde, ob ich den mit Frischkäse und Salat gefüllten Bagel getoastet haben wolle, rief ich schockiert und ungläubig 'Nein!' und begann, für alle Zeiten am Hausverstand der Bedienpersonen des Etablissements zu zweifeln: Bei Frischkäse kann man vielleicht noch diskutieren, aber Salat genieße ich bevorzugt ungewärmt.
Auch als man mir bei Coffeebucks mal einen Scone aufwärmen wollte, warf ich mich gedanklich sofort zwischen ebendiesen Scone und die Mikrowelle. Einen (vermutlich) mehrere Tage alten Scone will ich garantiert nicht aufgewärmt, danke. Der wird dadurch zuerst letschert und dann nur noch härter als vorher. Und dann muss ich tunken. Ich tunke nicht gern.

All das kann ich mit halbwegs versteckter innerer Empörung ja noch irgendwie hinnehmen. Wenn es allerdings zu Zwischenfällen wie vergangenen Montag kommt, schwappt das Fass der Erträglichkeiten über.
An besagtem Montag wollte ich mir, getrieben vom spontanen Gusto und nicht vom Hunger, einen Schokomuffin bestellen, auf dass er den Kaffee komplementiere. Also tat ich das, denn die Muffins sahen hervorragend aus. Der Faden meiner Geduld war schon etwas angespannt, ob der offensichtlichen Optimierbarkeit des Servierpersonals*, doch immerhin wurde meine Bestellung fragenlos entgegengenommen.

 *ja, ich bin sehr, sehr kritisch geworden. Aber ich darf das.

Doch, oh, ich wünschte sie hätten mich gefragt! Denn was bekam ich? Einen brennheißen Schokomuffin, dessen aufgestreute Schokoladestückchen nun schon zum zweiten Mal halb geschmolzen, halb karamellisiert waren. Welch Freude.

Enttäuscht starrte ich für einige Sekunden auf den Teller. Überlegte, meinen Frust mit dem ersten Bissen heißen Muffins zu zerkauen und runterzuschlucken. Doch dann fasste ich mir ein Herz, brachte ihn zurück und verlangte einen ungewärmten Muffin. "Aber der hat doch einen flüssigen Schokokern!" ließ ich dabei als Erklärung dieser Frechheit nicht gelten (vor allem, da sich herausstellen sollte, dass der Kern auch beim kalten Muffin nicht fest war, weil Nutella).
Der war dann ok. Obwohl die Enttäuschung trotzdem noch nachklang.

Wie kommt man auch auf die Idee anzunehmen, dass Kunden einen brennheißen Mikrowellmuffin einem stinknormalen, nach dem Backen ausgekühlten Muffin vorziehen könnten? Frisch aus dem Ofen nach dem Selbstbacken ist halt doch anders, als frisch aus der Mikrowelle und für die Zukunft lerne ich: Egal worum es sich handelt, ich werde ab jetzt alle Backwaren ausdrücklich 'ungewärmt' bestellen. Egal, ob ich dann blöd angesehen werde oder nicht.


Tuesday, October 23, 2012

Waffeln, Bier und Sitzungssäle

Brüssel: Sitz des EU-Parlaments und Hauptaufenthalt der lieben Schwester für 3 Monate. Ein guter Grund, einen Ausflug nach Belgien zu machen.

Dieser Ausflug war zwar erhofft, aber seine Realisation hatte ich schon aus beidseitigem Zeitmangel abgeschrieben. Wie es aber der Zufall so wollte, schüttete genau dann Fortuna ihr cornu copiae über mir aus, als ich mich schon damit abgefunden hatte, zu Hause zu bleiben: man fragte mich, ob ich nicht in höchster Spontaneität einen vakanten Platz in einer Reisegruppe einnehmen wolle. Diese Reisegruppe setze sich aus lauter engagierten jungen Menschen zwischen 16 und 26 Jahren zusammen, die sich für eine Einladung ins EU-Parlament beworben hatten. Die mit den besten Motivationsschreiben wurden gewählt: Reise- und Unterkunftskosten würden von der einladenden Abgeordneten übernommen und vor Ort sei für die Gruppe ein Programm zusammengestellt worden, das sich aus Terminen mit u.a. Vertretern der Gewerkschaft und Vertretern des Journalismus zusammen setze.
Ob ich da also mitfahren wolle, es sei nämlich jemand ausgefallen und man bezweifle ob der Kurzfristigkeit, noch jemand passenden zu finden? Ich dachte lange und konzentriert nach und hatte nach etwa 2 Minuten die Entscheidung getroffen: Natürlich bin ich dabei!

Vor der Abfahrt war ich nervös. Ich rechnete damit, die einzige zu sein, die sich politisch nicht unheimlich gut auskennt und erwartete eine Gruppe junger Menschen, die alle tagelang für die Reise recherchiert und Fragen vorbereitet hatten. Mein Bestreben war es daher, im Hintergrund zu bleiben.
Tja. Ich sollte überrascht werden: Die Reisegruppe setzte sich aus unglaublich aufgeschlossenen, intelligenten, interessierten und kommunikativen jungen Menschen zusammen. Obwohl eine Spanne von zehn Altersjahren zwischen dem jüngsten und ältesten Teilnehmer lag und auch eine Bandbreite and Herkunftsorten (in Ö) und Studienfächern abgedeckt wurde, gab es keinerlei Evidenz davon im Umgang miteinander. Innerhalb der folgenden vier Tage sollte die Gruppe zusammenwachsen, wie ich es mit einander komplett unbekannten Menschen noch selten erlebt habe.

Aber nun zurück zum Start:

Unser EU-Abenteuer begann mit einer 15-stündigen Busfahrt, die unser aller Genicke, Rücken und Beine auf Belastbarkeit testete und mich nebenbei realisieren ließ, dass mir meine Geldbörse wohl in Wien abhanden gekommen sein musste. Entsprechend entspannt kamen wir am Ende der Nacht in Brüssel an, wo wir vom lieben Schwesterlein in Empfang genommen wurden.

Der erste Tag stand uns komplett zur eigenen Gestaltung zur Verfügung und nach dem Bezug des Zimmers und einer revitalisierenden Dusche und einem guten Frühstück wurde ich von der lieben Schwester durch die ganze Stadt geführt.

Hauptplatz

Vorbei am Manneken Pis, dem bekannten kleinen Bronzejungen, der in einen Brunnen pinkelt.

Der kleine Mann ist zwar meist nackt, hat aber eine ganze Garderobe und wird hin und wieder eingekleidet (An Sonntagen?)

Ab dort beginnt es auch unerträglich nach Waffeln zu duften - reiht sich immerhin eine Waffelausgabestelle an die nächste. Freilich kann ich nicht wiederstehen und erstehe eine gaufre de Liège, die sich von den gaufres de Bruxelles darin unterscheidet, dass sie oval und nicht rechteckig, aus Germ- und nicht Rührteig ist, und dass der Zucker schon eingearbeitet ist und nicht nur drauf. Wenn man ein richtiger Klischeetourist ist, lässt man sich auf seine Waffel noch diverses Obst, Schlagobers und Soßen türmen, doch davon wäre mir wohl schlecht geworden.
Außerdem werde ich als nächstes durch einige der vielzähligen Schokoladegeschäfte geschleift, wo man überall Kostproben angeboten bekommt und ich etwaige bestehenden Resthunger auch vernichten kann: Danke, Abendessen muss glaub ich nicht mehr sein.

Lütticher Waffel (g. de Liège) - hier mit Eis. Die typische Nachspeise im 3-teiligen Touristenmenü.


Makronen gibt's auch überall, neben handgeschöpfter Schokolade, Keksen aller Arten etc etc.

 

Soviel zum Sonntag. Wir sehen bei Dunkelheit noch das Atomium von der Weite leuchten (und ich befinde, dass das ausreicht) und irgendwann begebe ich mich zurück in mein Hotelzimmer.

Der nächste Tag beginnt mir einem Riesenfrühstücksbuffet, das keine Wünsche offen lässt und uns für den Tag stärkt. (Ich erwähne das, weil ich gar nicht weiß, wann ich das letzte Mal bei einer Reise ein derartiges Frühstück dabei hatte und mich deshalb umso mehr drüber freute). Zeitig beginnt unser Programm mit einem Besuch der Wirtschaftkammer. Wir erfahren so einiges über die EU und das Parlament. In der Kommission wird unser neu erworbenes Wissen dann erweitert und vertieft.

Man lässt uns in den diversen Sitzungssälen Platz nehmen. Jeder ist anders, jeder ist interessant.


Bei den vielen parlamentszugehörigen Gebäuden ist es leicht, den Überblick zu verlieren; vor allem deshalb, weil das gesamte Viertel sich im ständigen Um- und Neubau zu befinden scheint und man bei all den Baustellen oft gar nicht weiß, wo man hin muss.

Schließlich waren wir auch im Parlament selbst - einem riesigen, blitzenden Glaskomplex.





Der Tag klingt - zwangsläufig - bei einem Bier aus. Dass das Lokal 'Delirium' heißt, amüsiert mich, und ich bestelle mir aus lauter Begeisterung gleich ein Delirium tremens.




Der nächste Tag hat ein vielversprechendes Programm, war aber auch der anstrengendste: Wir beginnen ihn in der ständigen Vertretung, wo die Vortragende ihre Powerpointpräsentation nach 2 Folien abbricht und wir stattdessen in eine angeregte Diskussion darüber verfallen, wie man EU-Themen interessanter und zugänglicher unter die Leute bringen könnte, was Schulen dazu für einen Beitrag leisten könnten etc etc. Generell während allen Vorträgen, aber hier im Besonderen, bekomme ich den Eindruck, dass die Repräsentanten, die wir treffen, stark an unserer Meinung und Wahrnehmung interessiert sind und auch daran, wie man das Konzept der EU - so oft von unseriösen Zeitungen durch den Dreck gezogen und verzerrt - ausgewogener und realitätsnaher vermitteln kann. Sehr inspirierend: ich mache mir Notizen.
Weiter geht's zum Gespräch mit einem Vertreter der Zeitung 'Standard', der uns die Sicht- und Arbeitsweise eines Berichterstatters näherbringt und uns von seinen Anfängen in Brüssel erzählt. All das Zuhören und Aufsaugen von Information erschöpft....




... doch der spannendste Programmpunkt der Tages liegt noch vor uns. Zum Glück gibt es im Parlament Kaffee um nur 20 cent am Automaten zu erstehen und wir tanken neue Kraft, bevor unser nächster Weg uns ins Parlamentarium führt. Allen Brüsselbesuchern sei ans Herz gelegt, ihre Schritte dorthin zu lenken. Dieses Besucherzentrum des Parlaments ist voller gut aufbereiteter Information über die EU, sodass ich wirklich bereue, mir nicht mehr Zeit dafür genommen haben zu können. Ich konnte mir die Ausstellung nämlich nicht recht zu Gemüte führen, da unsere Gruppe Sonderprogramm hatte:
Es gibt dort ein buchbares Rollenspiel, wo die Gruppe per Zufallsprinzip in vier Fraktionen (Traditions-, Freiheits-, Solidaritäts- und Ökopartei) geteilt wird. Man bekommt ein Smartphone in die Hand gedrückt, das einen durchs Spiel leitet. Mein Smartphone sagt, dass ich zur Ökopartei gehöre. Schön. Damit kann ich zumindest was anfangen.
Wir beginnen im Plenarsaal, wo der 'Präsident' von einer Videowall zu uns spricht und uns bittet, uns innerhalb der Partei in zwei Ausschüsse zu den Themen Microchipimplantate und Wasserversorgung zu teilen. In unserem kleinen Parteiraum tun wir das dann und werden von dort alle einzeln auf Recherchetour geschickt: An kleinen Bildschirmen, die am Rand des Raumes an schematischen Bars, Tankstellen, Busstationen etc angeordnet sind, kann man per touch screen 'Interviews' mit Personen aller möglichen Hintergründe führen. Wissenschafter, besorgte Eltern, Pubbesitzer sagen uns ihre Meinung und ich schreibe mit, bis meine Hand krampft. Zurück geht's zu meiner Arbeitsgruppe und wir haben ein paar Minuten Zeit, unsere Position zu definieren, bevor wir in den Ausschuss geschickt werden, um mit den Vertretern der anderen Parteien zu diskutieren. Nach 5 Minuten müssen wir ein Ergebnis haben - puuuh. Unmöglich ist das, wenn alle ihre Punkte durchsetzen wollen.
Plötzlich wird unsere Diskussion von einer Katastrophenmeldung unterbrochen: In einer fiktiven Stadt kam es zu einem Erdbeben, die Medien bringen uns arme Pseudopolitiker in Zugzwang. Auf einmal stehen wir vor Mikrophonen und Videowalljournalisten stellen uns Fragen. Wer kommt zuerst dran? Ich, natürlich. Dieser Druck! Ich fabriziere stringente heiße Luft, bis meine Zeit abrennt und ich wieder durchatmen und zurück in den Ausschuss darf. Weiter geht's in dieser Manier: schnell, zackig, mit viel zu wenig Zeit für Einzelheiten.


Im Plenarsaal: Ökoparteifraktion

Vertreter der Parteien werden um Stellungnahmen gebeten

Schlussendlich kommt es im Plenarsaal zu Stellungnahmen einzelner Repräsentanten (und sie haben das wirklich gut gemacht!) und anschließender Abstimmung. Alles vorbei? Nein: der Videowallministerrat stellt uns ein Bein und legt Veto ein. Zurück zum Start und Neuverhandlungen.
Nach zwei Stunden sind wir körperlich und geistig erschöpft, aber emotional aufgekratzt, wie dreizehnjährige Pubertierende: Die Zeit war viel zu kurz! Unser Thema wurde nicht ausreichend behandelt!

Wir bekommen eine kurze Pause, um wieder runter zu kommen, bevor wir uns abends zu einem gemeinsamen Essen versammeln. Zeit für die nächste typische Speise: moules frites: Muscheln in Sauce, dazu Pommes frites (ohne Pommes geht nämlich in Brüssel nix).


Vielleicht die besten Moules, die ich je hatte.

Auch dieser Abend klingt im Delirium aus und ich wage mich an Kreationen wie Apfelbier (≠ Cider) und Kirschbier und mehr traditionelle Biersorten, wie Leffe. Sehr gut. Der Spaziergang zurück tut gut.


Es folgt ein weiterer Halbtag im Parlament mit dem Besuch des Rats. Hier endet unser Programm. Ich nutze meine letzten paar freien Stunden noch für den Besuch des Magrittemuseums, dessen misslungenes Besucherleitsystem mich zuerst verärgert, weil ich fast eine Viertelstunde brauche, um den Eingang zur Ausstellung zu finden. Das Museum belohnt mich aber für meine Geduld: es lässt mich so richtig schön in die Welt der surrealen Malerei eintauchen und erleichtert meinen Geist kurzfristig um die Fähigkeit in Worten zu denken.

Schließlich nehme ich Abschied von Schwester und Stadt und falte mich in einen der engen Bussitze, in Vorfreude darauf, meine Beine in Wien wieder durchstrecken zu können.

Diese Reise war, zugegebenermaßen, einmalig. Ich hatte danach das Gefühl, unheimlich viel Neues gelernt zu haben, fühlte mich inspiriert und war wirklich traurig, dass unsere großartige Gruppe sich schon wieder auflösen musste, da ich mit vielen von ihnen sehr bereichernde persönliche Gespräche führen hatte können. Neue Freundschaften wurden geschlossen und zu manchen wird auch der Kontakt gewahrt bleiben.

Gedankt sei jedenfalls den lieben Mitreisenden für die vielen Fotos, denn ohne sie wäre ich fotolos wieder nach Hause gekommen und dieser Beitrag wäre weniger bunt.

Ja, und was kommt als Nächstes?

Je ne sais pas! Es wird sich etwas finden.