Saturday, January 26, 2013

Wintry days in Wales

Dieser Beitrag ist einer der längeren Art, weil ich zu faul bin, die erlebten Tage in einzelne Geschichten zu packen. Er schmückt sich dafür mit Bildern, die den Text in kleinere Happen unterteilen. Außerdem hab ich mir die Mühe gemacht, mehrere Links als sonst einzustreuen. (Die dünkler roten Worte kann man also anklicken, wenn man mehr Info mag.)

Cardiff / Caerdydd ist auch beim zweiten Besuch noch eine wunderbare Stadt, in der es mir nicht gelingen will, mich unwohl zu fühlen. Das Hostel (Riverhouse Backpackers) kannte ich schon, hatte ich gut in Erinnerung und kann ich wegen der tollen Lage (nahe dem Hauptbahnhof, nahe dem Schloss, nahe dem Stadion, gleich am River Taff), der großartigen Atmosphäre, der - bisher von keinem anderen Hostel überbotenen - Sauberkeit und des großartigen Frühstücks absolut empfehlen.

Den ersten Tag war ich allein unterwegs.


Animal Wall bei Cardiff Castle



zur freien Interpretation
(dahinter: Cardiff Bay)




Statue eines Kohlewerkarbeiters verweist auf die Geschichte von Wales
und die Bedeutung des Hafens von Cardiff für den weltweiten Kohlehandel


Mit mir im Zimmer war Renee, eine Australierin auf Europatour, wie so viele es sind. Die Rezeptionistin hatte ihr offenbar von mir erzählt (warum auch immer) und sie sprach mich gleich an. Schon war ich nicht mehr allein, wir plauderten, aßen gratis Pasta und ich fragte sie, ob sie sich mir am nächsten Tag zu einem Ausflug anschließen wolle.

Nicht recht weit von Newport / Casnewydd entfernt liegt Caerleon, wo die römische Legio II Augusta, als sie 75n.Chr. in Wales landete, eine Militärstadt namens Isca baute. Es gibt dort ein Amphitheater, Badeanlagen, ein Römermuseum voller toller Funde und die europaweit besterhaltenen Grundmauern von Soldatenunterkünften. Ich kann nicht glauben, dass mir das bei meinem letzten Ausflug nach Südwales nicht sofort ins Auge gesprungen ist! Grund genung, einen Tagesausflug einzuplanen.

Das Verkehrsnetz in Südwales ist recht gut und die Möglichkeit von Cardiff nach Newport (oder auch raus aus Wales) zu fahren bekommt man mit dem Zug etwa im 10-Minutentakt. Wir brauchten keine volle Stunde, um das kleine Dörflein zu erreichen.

Vieles dort ist sehr römisch: Fassaden...


irgendein Haus
... ein Café mit (unrömischem) Skulpturengarten...
Das Café preist sich auch als ehemaliger Standort der Porta Praetoria - des Eingangs zum Militärlager




Figurengruppe, die irgendwas mit König Arthur zu tun hat


Massive Welsh Love Spoon
(Der walisische Verehrer schnitzte traditionell für die Angebetete einen hübschen Löffel zum Zeichen seiner Liebe)

.. das Amphitheater. Dieses war schneebedeckt, aber darum nicht minder interessant. Ok, das in Carnuntum ist beeindruckender, aber dort war ich eh schon seit einer Weile nicht mehr




Dass Schnee lag und es saukalt war, konnte ich durch die interessanten Bauten recht gut ignorieren, doch meine Winterschuhe mit dem allwettertauglichen Profil und warmem Innenfutter hätte ich nicht missen wollen. Während Renees Lederstiefel Wasser aufsaugten und sie sehr oft ums Gleichgewicht zu kämpfen hatte, stapfte ich trittsicher durch Schnee und Matsch.

Die Militärbaracken fand ich spannend und stellte fest, dass meine mageren archäologischen Fähigkeiten mich noch nicht ganz verlassen haben und ich Orte wie Kochstätten und Latrinen nach wie vor identifizieren kann.


Unterkünfte der Soldaten


Die Badeanlagen waren leider nur zu einem Drittel ergraben, doch dieses Drittel war gut aufbereitet und dank Cadw kostenlos zugänglich, sowie das Museum, in dem sich hauptsächlich Steine mit Inschriften und andere, sehr interessante Fundstücke befinden. Interessant deshalb, weil es nicht dieselben faden Vasen sind, die man eh überall zu sehen kriegt, sondern weil es auch ein paar spezielle Dinge gibt, wie die folgenden:



Boden eines Kruges mit Künstlersignatur:
"Chresimus fecit" (= Chresimus machte dies)


Holzstück mit Aufzeichnungen über die Aufgaben der Soldaten



Brotstempel - noch nie gesehen, sowas

Die Besuchertoilette ist auch nicht uninteressant


Zurück in die große Stadt, wo wir uns bei einem Kaffee der Kette Costa (die mich mit ihrem guten Kaffee immer wieder lockt) aufwärmten und zurück ins Hostel.

Abends kam dann Patrick extra aus England / Lloegr angereist, damit man sich a) wieder mal sehe und b) man Cardiff gemeinsam erkunden könne. Am nächsten Tag stieß auch Vicky, die ich schon seit über 2 Jahren nicht mehr gesehen hatte, zu uns und wir pilgerten auf Umwegen zu Cardiff Bay / Bae Caerdydd.
Im Museum Techniquest erzählte man uns, dass wir ab 14:00 günstiger reinkämen, und so flohen wir vorerst vor dem Schneeregen in ein Café, wo wir beobachteten, wie die Sicht immer schlechter und der Schneefall immer stärker wurde. Um 14:00 allerdings waren wir zurück und man ließ uns tatsächlich schon günstiger rein, obwohl die 14:00 Information sich als Fehlinformation herausgestellte und wir bis 15:00 hätten warten müssen. Aber wir waren halt lieb und charmant und man machte eine Ausnahme.

Die nächsten 2,5 Stunden vergehen bei viel Gekudere, als wir uns den kniffligen physikalischen Aufgaben stellten, aus denen das Museum sich zusammensetzt: Es gibt viele Stationen, an denen man herumprobieren kann und Phänomene wie Magnetismus, Klangwellen, etc. spielerisch erkunden kann und dann erklärt bekommt. Eigentlich richtet sich das ganze eher an Kinder, aber wir hatten viel Spaß und blieben, bis man die Leute rauszuwerfen begann.


Get the disks to spin on the spinning table.


Ta-DAH! Nach ungefähr 30 Anläufen und wiederholter Ablehnung
von angebotener Hilfe stand da ein Würfel


Ich fand einen ebenbürtigen Gegner. Er hatte Spaß. Ich auch.


Krantechnik für fortgeschrittene Andersdenker


Abends verabschiedeten wir uns von Patrick, den die Arbeit zurückrief und stiegen in einen Zug, der uns weiter ins Innere von Wales brachte. Genaugenommen nach Merthyr Tydfil. Dort addressierte mich ein junger Mann, der vorher schon im Zug ständig herübergestarrt hatte:

Oi! Luv!
You seein' somebody?
Sorry?
You seein' somebody?
Yess.
Yes?
Yes. Back in Austria. Where I live.
Shame. You know: If water were beauty, you would be the ocean.

Da er auf seinen Satz so stolz war und/oder ich nicht interessiert war, trug er ihn auch Vicky ganz stolz vor. Hach. Wales. Land der Poeten! Lachend verabschiedeten wir uns. Ein Taxi (ohne Winterreifen) brachte uns zu Ty Taf Fechan, dem B&B von Vickys Eltern, in dem ich zwei Nächte als Gast verbringen durfte. Das Haus ist eine alte versetzte Kirche (ohne Turm), die man nach der Aussterben der Gegend zu einem Wohnhaus umgebaut hatte.


Ty Taf Fechan

Sie steht im Brecon Beacons National Park und hat viel Charme, der in dieser eisigen Jahreszeit vor allem vom Kamin im Wohnzimmer ausgeht. Vickys Eltern haben mit viel Liebe Gästezimmer gestaltet, die durch die dezent färbigen Kirchenfenster an Flair gewinnen. Die malerische Landschaft rundherum macht das Bild perfekt.

An meinem letzten vollen Tag in Wales wandelt sich endlich das Wetter: die Sonne lacht vom wolkenlosen Himmel und der Schnee leuchtet uns an. Vicky und ich halten's drin nicht aus und ziehen uns warm an (8 Schichten, in meinem Fall: vermutlich ein persönlicher Rekord), bevor wir uns in die Schneewehen stürzen. Eigentlich wollen wir den Hügel gegenüber dem Haus erklimmen und dann noch weiter wandern, doch durch den Schnee, der uns teilweise bis übers Knie reicht, kommen wir nur sehr langsam voran.


"There's bound to be a path somewhere!"

In den Brecon Beacons gibt's auch ein Truppenübungsgebiet. Diese Schafweide gehört nicht dazu.


Schneewandern... äh...-kriechen
 

Das Wasserreservoir hinter dem Haus



Wunderschön, diese Winterlandschaft. Leider auch sehr kalt. Trotz meiner acht Schichten und meiner Schneeschuhe wird mir schnell kalt und ich kann mich auch am knisternden Feuer des Kamins nicht mehr so recht erwärmen. Die heiße Dusche und die Heizdecken in den Betten schaffen es schließlich doch.

Leider war dies ein viel zu kurzes Vergnügen in den Brecon Beacons, denn nach 2 Nächten ging es schon wieder heimwärts. Wider Erwarten und trotz Schnee waren alle Züge und auch der Flieger pünktlich und, wieder heimgekehrt, erfreute ich mich von ganzem Herzen an der österreichischen Wohn- und Bauqualität, den gut isolierten Häusern, den dichten Fenstern und der Tatsache, dass mir mit nur 1-2 Schichten Kleidung auch warm ist.
Wales / Cymru hat es dennoch wieder mal geschafft, mich in seinen Bann zu ziehen. Da Vickys Eltern mich zur Wiederkehr im Sommer eingeladen haben und ich meine Railcard zum letztmöglichen Mal verlängert habe, wird das Land mich vermutlich heuer nochmal sehen.
Hwyl fawr am y tro, Cymru! Bis bald!






Monday, January 21, 2013

Luggage is overrated anyway

Weiter ging meine Reise - immer noch gepaecklos.
Man hatte mir Kleidung geborgt, eine Zahnbuerste hatte ich sowieso schon und Samstag Vormittag nutzte ich, um gleich einmal einkaufen zu gehen und mich mit toller neuer Kleidung sowie diversen Hygieneartikeln einzudecken.
Dann ging's nach York, wo die Zeit mit Nas bei Millionen philosophischer Debatten in diversen Pubs verflog, sodass wir die Oeffnungszeiten fuer den Minster (gut, hatte ich eh schon gesehen) und den Haunted Walk knapp versaeumten und uns stattdessen eine Zombieserie namens Walking Dead ansahen.

Der naechste Tag fuehrte mich zurueck nach Leeds, mit der schmalen Hoffnung, dass mein Gepaeck in der Zwischenzeit zu Tom geliefert worden sein koennte. War es natuerlich nicht. Wir trafen uns dennoch auf einen Tee, ich retournierte die Leihwaren, bekam eine Fahrradklingel geschenkt und setzte mich in den Zug nach Cardiff.

Je weiter suedlich der Zug faehrt, desto mehr Schnee liegt. Ich steige in Cardiff aus und friere. Die 300m zum Hostel scheinen ewig lang und ich komme als Eiszapfen an. Ein Koenigreich fuer eine Haube! Oder eine heisse Dusche. Letzteres zumindest ist sofort moeglich. Die freundliche Rezeptionistin ist ganz bestuerzt von meiner Unglueckslage, an die ich mich schon laengst gewoehnt habe, und bietet an, mir mit allen Dingen auszuhelfen, die ich eventuell brauchen koennte, doch alles was ich brauche ist ein Badetuch und das laesst sich mieten. Einmal heiss duschen (bei Licht und in einer echten Dusche*) Glueck ist perfekt.

*man kennt ja schliesslich auch anderes

...

Eine Nacht ausschlafen und was hat der Weihnachtsmann gebracht? Meinen Rucksack! Ich freue mich, doch als ich ihn hochtrage, aergere ich mich beinahe, dass ich ab jetzt viel mehr Gepaeck mit mir herumschleppen muss. Zudem noch unnoetige 12 Packungen Mannerschnitten, 3 Pkg. Drageekeksi, ein Buch und einen Liter Wein, die ich alle eigentlich laengst hatte loswerden wollen.
Naechstes Mal werde ich also mit deutlich reduziertem Gepaeck reisen - seit Indien kann ich das ja.

Und jetzt her mit der Haube und dem warmen Pulli und ab in die Kaelte! Cardiff will erkundet werden!

Saturday, January 19, 2013

A journey covered in snow

Von allen moeglichen Wochen dieses neu angebrochenen Jahres habe ich mir vermutlich den unguenstigsten Zeitpunkt ausgesucht um irgendwohin zu reisen: Frau Holle schuettelte ihren Schneepolster ueber dem Wiener Flughafen und genauso ueber Grossbritannien, sodass ich gestern den gesamten Tag am Flughafen verbrachte, unwissend, ob ich ueberhaupt das Land verlassen koennen wuerde.

Waehrend meiner Wartezeit telefonierte ich meinen Handyakku leer, um eine Uebernachtungsmoeglichkeit in Manchester aufzutreiben, doch meine Privatsekretaerin (sonst hauptberuflich meine Schwester) leistete wie gewohnt hervorragende Arbeit und innerhalb einer Stunde meldete sich eine Couchsurferin bei mir per SMS.

Abends wurde die Schneesperre dann aufgehoben, wir stiegen endlich ins Flugzeug ein, es wurde mit einem grauslichen, orangefarbenen Mittel abgeduscht zwecks Enteisung und reichlich verspaetet ging's schliesslich los. Zuerst mal nach Frankfurt, wo mir innerhalb der ersten 5 Minuten, die ich zur Orientierung benoetigte, klar wurde, dass mein Gepaeck den Anschlussflieger wohl nicht erreichen wuerde. Ich hatte Glueck, dass ich selbst es schaffte.

Auch dieses Flugzeug wurde enteist und flog dann problemlos. In Manchester keine Ueberraschung: Mein Gepaeck war nicht mitgekommen. In meinem Handgepaeck befinden sich 2 Buecher, 1 Zeitung, 2 Notizbuecher und eine Flasche Wasser.
Um halb 2 Uhr nachts erreichte ich Manchester Picadilly Station und stieg in ein Taxi zu meiner Herbergsgeberin. Kirsty McGee war gerade von einem Konzert heimgekommen und empfing mich mit einem Haeferl heissen Jasmintees: genau, was ich brauchte. Als sie sah, dass ich kein Gepaeck dabei hatte, gab sie mir sofort Handtuch, Pyjama und eine Zahnbuerste - die Welt ist gut.
Wir plauderten nett und lange, sie schenkte mir eine CD (eine grossartige CD. Ich haett sie signieren lassen sollen, ich Idiot. Aber mein Hirn war da schon abgeschaltet.) ich schlief gut und lange und nahm dann schnell Abschied, um mich mit Tom in der Stadt zu treffen.



Schnee ging auch heute auf Grossbritannien nieder und mein Tag in Manchester wurde hauptsaechlich in Cafes bei Halbliterhaeferln besten Schwarztees verbracht. Man hatte schliesslich genug Plauderthemen, um die Zeit zu vergessen.
Noch schnell einen Abstecher zu HMV gemacht (damn you - DAMN YOU, HMV!) und ein bisschen trivia gespielt:

You know what HMV stands for?
No....erm.... Her Majesty's ... Videoshop?
*laughs* nah. His Master's Voice.
Aaah, darum also der Hund mit dem Grammophon. Alles klar.

Wir nehmen Abschied von Manchester und das winterreifenlose Auto bahnt sich irgendwie einen Weg zum Kino. Die spontane Entscheidung, Les Miserables eine Chance zu geben war eine gute! Dehydriert (ausser um die Augen herum) verliess ich den Kinosaal. Russel Crows Stimme hat mir nicht imponiert, aber wir wollen mal nicht ueberkritisch sein.

Mein Gepaeck hat es uebrigens noch immer nicht geschafft, mich zu finden, doch morgen geht meine Reise schon weiter nach York. Ich hoffe sehr, dass es mich irgendwann einholt, sonst muss ich noch einen groesseren Einkauf taetigen... Das stellt zwar an sich kein Problem dar und es ist auch nicht unangenehm, nicht den ganzen Tag 10kg am Ruecken zu tragen, doch mir waere schon recht, meine Sachen wieder zu bekommen. Vor allem mein Handyladegeraet...

Der Schnee soll bleiben und hat offenbar vor allem Suedwales im Griff. Ich bin also gespannt, was mich die naechsten Tage erwartet... Wandern ist wohl vom Plan gestrichen, wie es scheint.

Wednesday, January 09, 2013

The next pair

Sometimes strange things happen. I left the usb-stick that supports me with tolerable internet at my parents'.
I was faced with a whole evening to myself. What to do? So much time and nothing to beat it to death with!

So I deep cleaned my room.

I filed stuff that badly needed filing.

I tried all my pens and threw out those that don't work anymore.

And I sat down and made a new set of earrings out of some Chinese coins I'd found and some bits and pieces from the big box where I keep all sorts of trash for occasions such as this one.

Here's the result:


Sunday, January 06, 2013

Weave your own web with care

Dieser Beitrag ist eine Verknüpfung von vielerlei Gedanken, die mit einem roten Faden zu verbinden ich versuche. Eventuell ist dieses Netz æsthetisch nicht ganz ausgereift, doch der Inhalt hoffentlich umso brauchbarer, vor allem, weil er einen Faden zu einem anderen, besseren Blog spinnt.


Der - zugegebenermaßen eher gescheiterte - vorweihnachtliche Versuch, auf das Internet und meine Anknüpfstellen dort zu verzichten hat immerhin dazu geführt, dass ich mehr reflektiere, wofür ich das Internet überhaupt verwende. Ich rufe Emails ab, suche Antworten auf spontan auftretende Fragen und lasse mir Autorouten vorzeichnen. Ich lese hin und wieder mein Horoskop, halte mich in einem Forum auf, dessen Hauptthema mich kaum tangiert und schreibe meine Gedanken in einen Blog, von dessen Leserschaft ich nur eine vage Ahnung habe. Ich versuche dabei meist, ähnliche Distanz zu wahren, wie ein Kolumnist in seinen Beiträgen in einer Zeitung.

Dass ich mich aus der Facebookcommunity vor mittlerweile über einem Jahr zurückgezogen habe (v.A. weil mir deren Datenschutzvorgänge schleierhaft und suspekt sind) bereue ich mit keinem Tag: Die Leute, mit denen ich dort befreundet war, sehe ich entweder nie, oder habe zu ihnen über andere Kanäle ohnehin mehr Kontakt, als Facebook mir bieten könnte. Außerdem schlage ich bei weitem nicht mehr so viel Zeit unnütz tot wie ich dort getan habe.

So manche(r) wird lachen, wenn ich jetzt erzähle, dass ich seit ein paar Monaten ein Twitterkonto eröffnet habe. Niemals wollte ich das - ist ja das gleiche wie Facebook, dachte ich. In Wirklichkeit aber, muss ich gestehen, finde ich Twitter sehr praktisch, denn es beliefert mich mit Informationen über die Vorgänge auf dieser Welt - und zwar aus verschiedenen Blickwinkeln - und führt mich so auch in Ecken, die ich von alleine wohl nicht aufgesucht hätte.
Oft tadelte ich mich schon, weil ich zuwenig Zeitung lese und aus Fernseh- und Radioabstinenz auch sonst nicht mit der Welt gleichauf bin, doch nun habe ich wohl meinen persönlichen Zugang gefunden, der aus einer bunten Selektion von Quellen besteht, aus denen mir Information zufließt.

Darüber bin ich heute auch über den wunderbaren Blog der Dresden Dolls Sängerin Amanda Palmer gestolpert, in welchem sie gestern einen sehr persönlichen Beitrag über mobbing und bullying via Internet schrieb; ins Rollen gebracht durch ein von ihr zufällig gefundenes Video, in dem ein junges Mädchen sich von der Welt verabschiedet, bevor sie sich das Leben nahm.
Ich war erschüttert.
Ich las einen Teil der Kommentarflut unter diesem Blogeintrag, wo viele Leser(innen) persönliche Geschichten aus der Schulzeit auftischen und war den Tränen nahe.
Was wiederkehrt ist die Tatsache, dass das Internet für viele junge Menschen ein Umschlagplatz für Gemeinheiten, kompromittierende Fotos und Videos und feige Angriffe wird und dass Jugendliche sich von dieser schwammigen virtuellen Gemeinschaft offenbar so sehr in eine Ecke drängen und isolieren lassen, dass sie zu Verzweiflungstaten schreiten.
Ich führe das hier an, weil Palmers Blog (und vor allem der verlinkte Beitrag) sehr lesenswert ist und ich für Lesenswertes gerne Werbung mache und weil ich beeindruckt bin auf was für ein riesiges Echo sie mit ihren Reflexionen stößt. Das gebe ich gerne weiter*.
Es ist schön, dass Amanda mit ihrem Blog eine riesengroße Reaktionswelle hervorruft, die Menschen die Möglichkeit gibt zu sehen, dass sie nicht die einzigen sind, denen man unfair mitspielt und dass sie durchaus die Möglichkeiten haben, über ihr Netzkonstrukt hinaus zu anderen Menschen Kontakt zu knüpfen - und sei es ausgerechnet über das ambivalente Internet.

Fazit: Die Tatsache, dass man sich mehrerlei Netze auf verschiedenen Ebenen weben kann (real, virtuell, postalisch,...) ist eine angenehme, aber man muss gut aufpassen, dass man sich nicht verstrickt und den Fokus zu eindimensional werden lässt. Es gibt immer ein Außerhalb des Netzes und andere Punkte, an denen man anknüpfen kann und ich wünsche jedem und jeder, viele solche zu finden, wenn die Horizonte dieser Welt wieder mal zu eng scheinen.

Ich persönlich werde nach einem Tag der reinen Internetkultur innerlich nervös und werde diese Gefilde jetzt wieder verlassen, um mit meiner Umwelt in Wechselwirkung zu treten und die dort gesponnenen Netze zu erhalten.


*(Ach ja, wenn irgendjemand sich dafür interessieren sollte, was ich noch für lesenswert halte, könnt ihr mir ja auf Twitter folgen. Als apis caerulea leite ich dort die Dinge weiter, die mir besonders wichtig scheinen.)