Saturday, June 23, 2012

Ladakh: Reflexionen und das liebe Kind

In meine Heimat wiedergekehrt, in der es um nichts kühler war als in Delhi, habe ich mit Erschrecken festgestellt, wie schnell man wieder in die bereits bequem ausgelegene Mulde seines gewohnten Lebens fällt. All die guten Vorsätze - täglich Yoga zu machen und zu meditieren, dem Handy abzuschwören etc. - die in Ladakh noch so stark und unerschütterlich dastanden, verblassen neben dem sensorischen Überangebot, dem mein Körper und mein Geist auf einmal wieder ausgesetzt sind. Seither arbeite ich täglich am Aufbau einer neuen Selbstdisziplin: manchmal gelingt es mir, zeitig aufzustehen, meinen Körper aus dem Bett zu treten und gleich mal beinhart durchzudehnen. Viel öfter jedoch gelingt es mir nicht: erschütternd.


Was bleibt jedoch von meinem - im Nachhinein betrachtet - viel zu kurzen Ausflug in die Höhen des Himalaya?

Es bleiben viele Denkanstöße und ein Gewissen, das nun erneut geschärft ist für unser ungeniertes Luxusverhalten in diesem Teil der Welt und damit einhergehende Scham und der starke Wille, bewusster zu leben und mehr echten Luxus zu suchen (i.e. Zeit, sinnvolle Tätigkeiten) anstatt mich an Luxussubstituten scheinbar zu ergötzen.

Es bleibt eine gewisse Affinität zum Buddhismus und zur Meditation, die einem immer wieder die richtige Perspektive zu verschaffen mögen, wenn man sich die Zeit nimmt und sich darauf einlässt. In stressigen Situationen beginne ich nach wie vor ganz von selbst das Om Ma Ni Padme Hum zu summen und werde dadurch tatsächlich sofort ruhig und gelassen.

video
Om Ma Ni Padme Hum zum Anhören

Vor allem jedoch bleibt mir die Verbindung zum Mahabodhi Zentrum (klick). Vor meiner Abreise nämlich beschloss ich, diese Bande zu verstärken und mich auch in Abwesenheit weiter zu beteiligen. Ich hatte in vielen Gesprächen mit den Mönchen erfahren, dass dem Centre im Vorjahr eine Hundertschaft an westlichen Sponsoren (die einzelnen Kindern den Schulbesuch ermöglichen) weggebrochen ist. Da ich nun 1.) die Kinder kenne und, 2.) weiß, wie Dinge im Mahabodhi Centre gehandhabt werden und dass das Geld auch genau dort ankommt, wo ich es haben will, erschien es mir eine gute Idee, Patin zu werden.

Dieser Wunsch entstand ursprünglich, als ich mit den Schülerinnen über ihre Wünsche und Ziele plauderte und die Standartanwort war: "If I had enough money I would visit my sponsor. I hope I can do that one day..." Ich gewann aus vielen Gesprächen den Eindruck, dass die Kinder zu ihren Sponsoren ein recht inniges Verhältnis haben, dass diese Sponsoren nicht nur anonyme Geldgeber in fernen Landen sind, sondern dass sie für die Kinder tatsächlich so etwas wie Paten und Lebensbegleiter sind. Ladul, eine der älteren Schülerinnen, ging sogar so weit, zu sagen: "I feel I have two mothers: My real mother, whom I love with all my heart, but who cannot give me that much, and my other mother, my sponsor, who I can talk to about all my problems and who helps me and guides me." Das hat mich ziemlich überrascht und zugleich tief berührt und so schnell war der Wunsch geboren, ebensoeine Bezugsperson für eines der Mädchen zu werden.

Kaum war der Entschluss gefasst, waren die Formalitäten schnell erledigt. Die Wahl eines Mädchens fiel mir nicht leicht, doch schließlich hatte ich ein Patenkind ausgesucht, für dessen Schulbesuch und Lebenskosten ich nun aufkomme: Stanzin Angmo, ein neunjähriges Mädel, das ich im Mahabodhi Girls' Hostel täglich gesehen habe.


Ich hatte Glück, denn Stanzin Angmo war zwar, wie die meisten Mädels, an meinem Abschiedswochenende auf Heimatbesuch, doch an meinem allerletzten Abend kam sie samt Onkel und Mutter extra vorbei, sodass wir nochmal plaudern konnten. Die Familie war herzallerliebst, hat sich viel zu oft bedankt und wollte mich unbedingt noch zu sich nach Hause einladen. Wie gerne hätte ich das Angebot angenommen! Leider ging mein Rückflug am nächsten Tag schon so frühmorgens, dass es sich beim besten Willen nicht ausgegangen wäre. (Und die beiden Mönche Bhante Jinananda und Bhante Nagasena hatten eigens für mich ein großartiges Abschiedsabendsmahl organisiert, dem ich freilich nicht fernbleiben konnte.)
Jedenfalls bin ich überglücklich mit meiner Entscheidung und freue mich schon auf den ersten Brief und viele weitere, die dann folgen werden. Ich bin höchst gespannt, wie diese Freundschaft sich über die Jahre hin entwickeln wird!

Das ist es, was ich vorwiegend mitnehme und ein Stapel selbstgebastelter Karten der Kinder wird mich immer an die schöne Zeit erinnern; Eine Zeit, in der das Miteinander und das Füreinander die wichtigsten Handlungsmotive waren, die von Spiritualität durchtränkt war, in der ich den Egoismus bis an die Grenzen zurücksteckte, weil es viel schöner war, anderen etwas zu geben oder zu zeigen, in der Luxusgüter und Materialismus aufhörten, begehrenswert zu sein und das pure Leben in den Vordergrund trat. An diese Zeit werde ich immer wieder gerne denken und von all dem Gelernten zehren und wenn ich das Gefühl haben sollte, dass meine imaginären Kamelshöcker leergezehrt sind und eine neuerliche Dosis von all dem brauchen, dann fahr ich einfach wieder hin. Immerhin gibt es genügend Menschen dort, die sich über Besuch freuen würden. Und eine ganz besonders.

Ein Blick zurück und auf in den Sonnenuntergang die Zukunft

Tuesday, June 19, 2012

Dust in Delhi

Von Leh auf Delhi ist ein harter Schnitt. Selbst wenn man bereits um 8 Uhr früh landet, hat es dort schon Temperaturen wie in einem gerade abgeschaltenen Backrohr. Was außerdem auffällt: Menschen, Menschen, Menschen. Der Verkehr in Leh ist ein Witz dagegen, was sich auf der Autobahn hier abspielt: Taxis und Tuktuks, die sich aneinander vorbeidrängen, und Fahrräder, die auf der 3-spurigen Fahrbahn entgegen dem Strom fahren. So zählflüssig, wie hier der Verkehr ist, ist das Chaos aber auch verschmerzbar. Kühe hab ich immerhin keine gesehen.

Da ich noch kein Hotel hatte, war ich anfangs ein ganz kleines bisschen unentspannt, doch es gab bereits Pläne A und B. (B hätte Couchsurfing impliziert, doch da Plan A aufging, war es nicht nötig, dass ich mich nach einem freien Sofa umsah.) Plan A sollte ich im Taxi zum Flughafen von Leh treffen. Den Weg dorthin trat nämlich außer mir auch ein junges, kroato-französisches Pärchen an und wir kamen ins Reden. Als ich ihnen von meinem Schlafplatzmangel erzählte, schlugen sie vor, dass ich ja mit ihnen in die Stadt fahren könne und sehen, ob in ihrem Hotel noch ein Zimmer frei sei. Klang gut und machte ich. Zimmer war zwar keines mehr frei, aber Darja fragte sofort, ob man nicht ihr Zimmer um noch ein Bett bereichern könne - sei ja nur für eine Nacht.
So fand ich mich mit den beiden in einem Zimmer und hatte noch dazu den Vorteil, dass ich mich der Stadt nicht alleine zu stellen brauchte.

Unser erster Weg führte uns an einer stark befahrenen (und staubigen) Straße entlang nach Neu Delhi, wo wir feststellten, dass das "Zentrum" eine riesige staubige Baustelle ist. Mit einem Park in der Mitte. Dort flohen wir gleich mal vor der sengenden Mittagssonne ins Kino, um uns dort einen Bollywoodfilm anzusehen, der sich als Politthriller entpuppte. Die Tatsache, dass der Film auf Hindi war, machte ihn nicht unbedingt leichter verständlich, doch zumindest hatte es im Kinosaal kühle 27°C.

Als wir wieder ans Tageslicht traten, war es immer noch unglaublich heiß, doch wir wollten uns nicht unterkriegen lassen. Mit pro Person ca. 3 Litern Wasser im Gepäck traten wir den Weg nach Altdelhi an, um dort 1-2 Sehenswürdigkeiten näher zu beäugen. Die Tucktuck- und Rikshafahrer, die sich uns alle halben Minuten aufdrängen wollten, enttäuschten wir durch unser Durchhaltevermögen und marschierten zu Fuß die staubigen Straßen entlang, auf der Suche nach Jama Masjid, der größten Moschee Indiens.

Die Moschee in ihrer ganzen Pracht

Leute beim Herumlungern und/oder Beten

Die Leute in Delhi kann man grob in 2 Gruppen teilen: diejenigen, die einem irgendetwas aufdrängen wollen - sei es ein ungewolltes Taxiservice, sei es ein Hennatattoo, sei es wieder mal ein Pashminaschal, mit dem man sich in der Hitze wohl nur den Schweiß abwischen könnte - und diejenigen, die einem ohne eigene Interessen einfach nur weiterhelfen wollen, oder ein bisschen plaudern. Es ist eine faszinierende Stadt.

Zurück zur Moschee: Wir blechten 300 Rupien, nur um in mantelschürzenartige Bekleidung gehüllt zu werden. Den Beweggrund dahinter hab ich nicht ganz verstanden, da Darja und ich beide lange Hosen anhatten und sowohl Schultern als auch Kopf bedeckt waren. Inderinnen mit kurzen Ärmeln schienen außerdem auch kein Problem zu sein. Vermutlich machte man sich einfach über uns lustig.

sexiest outfit of all times
Diese bunten, flatternden Gewänder führten jedoch dazu, dass wir, wie Pfauen, die Aufmerksamkeit aller anderen Moscheebesucher auf uns zogen, die sich dann einbildeten, ein Foto von und mit uns machen zu müssen. Das taten sie auch ganz ungeniert: Als ich gerade selbst ein Foto vom schönen Innenhof der Moschee machen wollte, trat auf einmal ein Typ ins Bild, seine Handykamera auf mich gerichtet. Ich ersuchte ihn, doch bitte zur Seite zu treten, sodass ich ein Foto machen könne, doch das tat er nicht. Er stellte lieber ganz ungeniert scharf und drückte ab. Ich hab ihn mit meinen Augen getötet.

Andere waren wenigstens so höflich vorher zu fragen und sich danach zu bedanken, aber nichts desto weniger haben wir schnell die Flucht ergriffen.

Der Abend war weitaus angenehmer, denn er führte uns durch den Gemüsemarkt, der sich in mehreren kleinen Gassen rund um unser Hotel wand. Dort wurden Jackfruits aufgeschnitten und Gewürze auf Bestellung gemixt. Da schlug ich dann auch diverse Ängste und Warnungen in den Wind und kostete mich ganz unvorsichtig durch die allenorts angebotenen Warenproben: Cashews, Zuckerrohr, Kekse. Hat mir nicht geschadet.


Masalamix nach Wahl

Yogaposition: schlafender Hund, der nach unten blickt

Die Hitze machte uns am nächsten Tag so sehr zu schaffen, dass wir ihn vorwiegend mit schlafen zubrachten. Außerdem trocknen die Augen in Delhi so extrem aus, dass man zu zweifeln beginnt, ob man denn noch überhaupt Tränenflüssigkeit übrig hat.
Ich habe festgestellt, dass es allzu viel Sehenswertes in Delhi eh nicht gibt. Vermutlich ergreifen die meisten Touristen drum auch gleich die Flucht und fahren zum Taj Mahal.
Falls ich mich täusche und es in Delhi doch irgendwo versteckte Juwelen gibt, kann man sich die zu einer anderen Jahreszeit bestimmt besser ansehen. Wenn der Monsun ein bisschen eine Erleichterung gebracht hat.

Monday, June 11, 2012

Singing just for Joy*

"Music is the shorthand of emotion."
(angeblich Tolstoy)

Mit dem Singen ist das hier so eine Sache. Ich denke, ich habe schon anklingen lassen, dass die Schueler und Schuelerinnen hier ausgesprochen gut singen (und musizieren). Zu jeder Sonntagspuja tritt eine kleine Delegation aus den jeweiligen Hostels an und praesentiert ein Lied: da kommen die kleinen Moenche, dann die kleinen Nonnen (natuerlich alle in rot), dann die Maedels, dann die Buben, hin und wieder Kinder aus dem Blind Hostel und ganz selten sogar eine alte Dame aus dem Altersheim. Das ist so unglaublich ruehrend - jedesmal aufs Neue. Bhante Sanghasena mag diese Art von Sonntagsprogramm gar sehr und hat hat auch keine Hemmungen, von uns Volontaeren aehnliche Leistungen zu verlangen.

Als Ursina mit ihrem Akkordion noch da war, hab ich viel Zeit im Blind Hostel verbracht, denn den Schuelern dort hat sie beigebracht, Akkordion und Gitarre zu spielen. Unglaublich, wie schnell Dolkar und Chospel das heraussen hatten! Als wir die Lieder dann perfektioniert hatten, marschierte unser kleiner Trupp gemeinsam eines Freitags ins Altersheim und gab dort ein kleines Konzert. Die alten Leute waren ganz geruehrt und gluecklich - und wir dann natuerlich auch!

Ursina probt mit den Nonnen ein Lied für die Puja

Die Euphorie hat angehalten und wir haben gleich bei den naechsten beiden Pujas gemeinsam gesungen: (Singing just for Joy und Blowing in the Wind - mehrstimmig). Ich habe dabei etliche Hemmschwellen ueberwunden. Nie haette ich gedacht, dass ich eigenstaendig eine Stimme halten und anfuehren kann, aber wenn man sieht, zu was fuer Leistungen die Kinder hier faehig sind, dann schaemt man sich schon einigermassen, wenn man es nicht mal versucht.
Ebensowenig konnte ich den Kleinen im Hostel den Wunsch abschlagen, nach Ursinas Abschied mit ihnen die Lieder nochmal zu singen, bis sie sie konnten. Eine schlechte Stimme wird von ihnen nicht als Ausrede akzeptiert. Ist ja auch laecherlich, immerhin geht's um den Spass.

Zu allerletzt ueberwand ich mich sogar so weit, dass ich dem Wunsch des Guruji (i.e. Bhante Sanghasena) nachkam. Er hatte eines Morgens gemeint, ich moege doch ein oesterreichisches Lied vortragen. Juhuu. Also suchte ich - mit externer Hilfe - nach einem passenden oesterreichischen Lied, das ich zu meiner letzten Puja praesentieren koennte. Ich kenn ja kaum oesterreichische Lieder - schon gar keine traditionellen!

Diese meine letzte Puja fand jedenfalls gestern statt. Fuer mich ist es naemlich Zeit, Mahabodhi zu verlassen und weiter zu ziehen. Den Zeitpunkt dafuer habe ich guenstig gewaehlt, denn mit dem Ende aller Pruefungen, sind die meisten Schueler nun in die Ferien entfleucht und brauchen mich darum nicht mehr. Tja. 5 Wochen waren ja auch eine lange Zeit. Und gleichzeitig natuerlich auch wieder nicht. Tempus fugit.

Jedenfalls, diese letzte Puja: Mahabodhi hat mir schon 3 unverschaemte Male eine Spontanrede entrissen, also hatte ich mich auf diese Rede vorbereitet, um auch wirklich alles unterzubringen, was ich zu sagen hatte. Bedauerlicherweise waren nur wenige Schueler und Schuelerinnen gegenwaertig, um sie sich auch anzuhoeren, doch das machte es ein kleines bisschen einfacher fuer mich, denn ich beendete den kurzen Auftritt damit, dass ich vor den versammelten 300 (statt ca. 600) Menschen ein Liedchen zum Besten gab - "Wahre Freundschaft" naemlich, weil es so passend ist.

Niemals haette ich gedacht, dass ich vor so grossem Publikum singen wuerde, doch, wie bereits gesagt: Man schaemt sich ja fast, wenn man den Schuelern an Mut nicht gleichkommt. Gezittert hab ich bei meiner gesanglichen Darbietung freilich genug, doch die Schueler hatten den Anstand, das Lied grossartig zu finden. (Aus Respekt, schaetze ich mal.)

Ja, so nahm ich Abschied und verschenkte zum Schluss noch Apfelstrudel in rauen Mengen.

Die Traenen sollten dann heute morgen in Stroemen fliessen, als ich von einer Schar kleiner Maedchen lauter selbstgebastelte, selbstgemalte Karten in die Hand gedrueckt bekam und von ihnen gebeten wurde, doch nochmal mit ihnen zu singen. Da half es auch nix, dass eine der Kleinen mich wiederholt aufforderte "No tears, Ma'am, smile!". Jaja, wenn man Emotionen so einfach kontrollieren koennte!

Diese Sturzbaeche werden ihr Ende nicht vor Mittwoch finden, wenn ich die Maedchen ein letztes Mal besuche, denn dann sind sie alle aus den Ferien wieder da. Ich glaub, ich geh schon mal Taschentuecher kaufen...

*ist eines der Lieder, die Ursina dem kompletten Campus vorletzte Woche beigebracht hat. Seither hoert man immer wieder Fetzen davon aus den Hostels toenen.

Friday, June 08, 2012

Im Fruehtau zur Puja wir ziehn, fallerah!

4:00 ist eine gute Zeit zum Aufstehen. Es ist noch dunkel, doch die Voegel zwitschern schon. Ansonsten ist es komplett ruhig.

Keine Angst, mein Schlafrhythmus wir nicht noch abartiger. Der Grund dieser zeitigen Tagwache vergangenen Montag war der immer noch bestehende Wunsch, in Thikse Gompa (Kloster Thikse) an der im Reisefuehrer angepriesenen Morgenpuja teilzunehmen. Diese sollte angeblich um 6:00 beginnen und da Ivonne und ich keinesfalls zu spaet hineinplatzen wollten, marschierten wir um 4:30 vom Mahabodhi Centre los. 

Man hatte uns informiert, dass um diese Zeit weder Busse noch Taxis zu finden waeren und deshalb versuchten wir wieder mal unser Glueck mit dem ausgestreckten Daumen. Gerade mal 100m mussten wir aus Choglamsar raus und waren gerade im Begriff, den Palast des Dalai Lama (der hat dort eine Residenz) zu passieren, als wir ein Auto hoerten - das erste und einzige weit und breit. Es naeherte sich im rasenden Tempo, doch als der Fahrer sah, dass wir gerne mitfahren wuerden, bremste er sich sofort ein, nur um gleich wieder voll los zu starten, sobald wir eingestiegen waren. Kurz vor 5 waren wir schon in Thikse.

Industal im Morgenlicht

Das Kloster thront auf einem Berg. Unterhalb kleben die Wohnstaetten der Moenche im Felsen. Es war noch ganz ruhig, als wir uns auf Treppen und schmalen Weglein da durch emporschlaengelten. Scheinbar waren die Moenche etwas fauler als wir.

Bei der Gompa angekommen, wurden wir gleich mal von heftigem Gebell begruesst: vier Hunde stuermten auf uns zu und wollten spielen. Als der eine dabei begann, nach meiner Hose zu schnappen, wurde ich ein bisschen nervoes, doch er wollte nichts Boeses. Er war der juengste der 4 und damit auch der Verspielteste. Als die Hunde merkten, dass wir weder spielen wollten, noch Esswaren dabei hatten, lieszen sie wieder von uns ab und jagten einander durch das Tempelgelaende.

Tempelhund


Ivonne und ich stiegen derweil aufs Dach hinauf und warteten, dass die Sonne so hoch kletterte, dass sie das Industal flutete und zum Leuchten brachte. Mittlerweile sieht man hier relativ viel Gruen entlang des Flusses. Diese paar Baeume, die bunten Gebetsfahnen und die roten Gewaender der Moenche sind eigentlich die einzigen Farbtupfer im sonst recht braunen Ladakh.

6:00: Es tut sich immer noch nichts. Ein paar junge Moenche sind schon wach, doch kein Anzeichen, dass ein Morgengebet stattfinden wuerde. 

Kurz nachdem wir zu spekulieren beginnen, ob wohl alle Moenche aufgrund des Feiertags zur damit verbunden grossen Feier nach Temisgang ausgeflogen sind, toent es vom Dach: 2 lange, tiefe Toene hoert man alternierend.
Ich flitze hinauf, so schnell das bei den steilen, demuts- und konditionsfoerdernden Stufen moeglich ist, und sehe 2 Moenche am Dach stehen und in lange Hoerner blasen, die an Alphoerner erinnern. Da! In der Ferne vom naechsten Kloster kommt das Echo! Beeindruckend!


Nach dem dunklen Getoene werden die Hoerner teleskopisch eingefahren, die Moenche setzen sich Goldhauben auf und fuehren noch eine Dachumgehung mit quaekenden Muschelhoernern durch. Ich kann mir dabei das Grinsen nicht verkneifen, als ein paar suedindische Touristen vergeblich versuchen, ein gutes Foto zu schiessen. Die Moenche sind zu schnell...


Schliesslich geht die Puja los. In einem relativ grossen Tempelraum stehen parallel, wie in einer Bibliothek, niedrige Tischchen, hinter denen erhoehte Reihen mit Sitzkissen verlaufen. Ca. 50 Moenche trudeln nach und nach ein, nehmen an ihrem designierten Ort Platz und ziehen aus dem Bankfach Butterteeschuesseln, die sie vor sich auf die Tischchen stellen. Ein Moench beginnt waehrenddessen mit der monotonen Rezitation des Gebetstextes. Die anderen Moenche stimmen teilweise mit ein, doch sie scheinen sich hauptsaechlich aufs Fruehstueck zu freuen. 
Da hoert man das schnelle Getappe kleiner Fuesse und eine Schar kleiner Moenche schleppt riesige Metallkannen mit Buttertee und ebensogrosse Kuebel mit Tsampa (noch mal zur Erinnerung: Mehl aus geroesteter Gerste) herbei und beginnt die Moenche zu bewirten. Wir Touristen sitzen ganz hinten, gleich neben dem Eingang auf Teppichen, um nicht zu stoeren und bekommen ebenfalls kleine Haeferl mit Buttertee gereicht. Leider kein Tsampa.

Buttertee fuer alle

Die Moenche essen erstmal gemuetlich und beginnen dann, mit dem Obermoench mit zu rezitieren. Viele scheinen durch andere Dinge abgelenkt und nehmen nur bei manchen Passagen teil. Vor allem die kleinen spielen lieber Fangen, scherzen herum, stossen einander an oder sind halt einfach sonst unaufmerksam. Immer wieder werden Buttertee und Tsampa nachgereicht. 
Was fuer ein Gewurl!
Zwischendurch herrscht immer wieder eine Weile Stille. Also.... Stille ist relativ. Wenn die Moenche schweigen, hoert man leise Radio BBC im Hintergrund, was absolut nicht dazupasst. Oder aber schon, denn die ganze Puja ist irgendwie skurril. Die Rezitationen gehen weiter, da ziehen manche Moenche auf einmal diverse Instrumente hervor (ein paar Floeten, ein paar Muschelhoerner) und spielen diese ohne erkennbare Melodie, ohne Zusammenspiel, ohne Rhythmus. 2 grosse Gebetstrommeln werden dazu noch komplett arhythmisch geschlagen. Dann wieder nur Rezitation.
Der Inder neben mir schiesst Fotos und tratscht in einer ziemlich irritierenden Lautstaerke mit seiner Frau. Die Moenche schauen boese. Ich starre peinlich beruehrt in meinen Buttertee und beschliesse dann, zu meditieren. Das funktioniert bei dieser monotonen Begleitung ganz gut.
Irgendwann werde ich durch lautes Klatschen wieder aus dieser Phase gerissen. Die Instrumente sind verschwunden, stattdessen wird jetzt halbrhythmisch, aber noch immer ohne erkennbares System zu den Rezitationen mitgeklatscht. Manche der Moenche sind schon verschwunden - scheinbar waren sie nur fuer den Tee hier.

Irgendwann stehen die beiden Inder auf und schreiten komplett ungeniert die Gaenge mit den Moenchen entlang, um viele gute Fotos zu machen. Dann gehen sie. Ivonne und ich bleiben noch eine Weile, doch als nach ueber einer Stunde meine Beine vom Schneidersitz jegliches Gefuehl verloren haben, gehen auch wieder. Naemlich auch fruehstuecken.

Gebetsmuehle: ein paar gute Wuensche in die Welt gesandt
Gebetsmuehlen fuer Arme. 


Da der Tag so schoen ist, die Lichtstimmung einfach herrlich und wir unseren Beinen etwas Gutes tun wollen, treten wir den Weg zurueck zu Fuss an. Ein ruhiger Weg schlaengelt sich nahe dem Indus durch Felder und auf ebendiesem gelangen wir nach 3-4 Kilometern nach Shey. Den Koenigspalast dort lassen wir aus und flanieren (bzw stolpern) stattdessen ueber ein grosses Feld mit angeblich ueber 700 Stupas (Bild einer Stupa in einem der vorigen Beitraege). Erinnerungen an Graeberfelder und Nekropolen fluten mein Gedaechtnis - es ist etwas gruselig.

Eine Elster erhebt sich von einem Choerten

Ja und dann wollten wir nach Leh. Diesmal mussten wir ein Stueckchen weiter marschieren, bis man uns mitzunehmen bereit war. Schliesslich hielt ein Jeep neben uns. Auf der Ladeflaeche hinten gab's Sitzbaenke und ebendort durften wir Platz nehmen. Unsere Chauffeure waren diesmal 2 mittelaltrige Bedienstete der indischen Armee, deren Zahlen hier vermutlich die der lokalen Bevoelkerung uebersteigen. Im Gegensatz zu ihren juengeren Artgenossen, die ungeniert starren oder Fotos schiessen, sind diese beiden richtig nett und umgaenglich. Sie erzaehlten uns, wie hart es ist, im Winter auf einem der Paesse ihren Dienst zu leisten und wie gluecklich sie darueber sind, dass es jetzt endlich warm wird. Mir waere ganz recht gewesen, wenn der Fahrer dabei nicht seine Haende zum Gestikulieren verwendet haette, doch schlussendlich waren wir am Rande von Leh angekommen. Mir war mittlerweile schlecht - aufgrund des Fahrstils, des Staubs und der Abgasdichte. 
Nach Leh emporgestiegen sammelten wir schliesslich bei einem ordentlichen Espresso und leckerem Kuchen wieder neue Kraft. 

Trotz den Vorzuegen, die es hat, wenn man um 4 aufsteht, wurde die Aufwachzeit fuer die naechsten Tage wird wieder auf 5:30 Uhr verschoben - das ist doch um einiges angenehmer...


Tuesday, June 05, 2012

Visuals

Da meine Speicherkarte voll ist, musste ich mir einen USB-Stick kaufen, um die Fotos irgendwo zu sichern. Freuet euch, denn diese Anschaffung ermoeglicht es mir, euch ein paar Eindruecke nachzureichen:

Blick ueber Leh, Anfang Mai

Rhizong Monastery

Buttertee, Kekse und Tsampa in Rhizong


Moenche in Rhizong

Bunte Lastwagen bringen Dinge
Sprueche wie "Love is sweet Poison" sind haeufig

Choerten am Khardung-La, dem hoechsten befahrbaren Pass der Welt

Kamelritt in Nubra Valley


Mahabodhi girls am Weg zur Sonntagspuja
Mahabodhi Campus:
rechts hinten sind Schule und Kindergarten,
links neben der weissen Halle liegt das Altersheim,
links dahinter das Girls Hostel.

Die Schulband beim Morgenaufmarsch

Im Nomadenzelt: Ama-le (die Grossmutter)

Ziegen und Schafe in Changtang

Milchgewinnung



Fruehstueck bei den Nomaden.
Hab mir den tibetischen Namen des Gerichts nicht gemerkt, aber uebersetzt heisst es "old man's ear" 

Tashi (in rosa) mit Familie

auch dort - Name des Sees vergessen (Thangzang Tso?)

Multitasking: Spinnen und Schafe hueten auf einmal

Hot Spring in Puga

An den Ufern des Tsokar, des weissen Sees

Yaks

Gesangsstunde mit den seheingeschraenkten Kindern im Altersheim

Die Maedels beim (Waesche-)Waschen

Puja: Warten auf den Moench

Die Maedels proben vor der Puja noch ihr Lied

Ven. Sanghasena verteilt am Ende der Puja Mangos fuer alle

Maedels beim Lernen: immer irgendwo im Gelaende verteilt
- unter Baeumen, im kaputten Schulbus, oder auf der Mauer

Chospel und Punno an der Shanti Stupa: Begreifen der Bilder

Mit Chospel im Musikgeschaeft: alle Instrumente wurden durchprobiert

Saturday, June 02, 2012

Sunshine and Sticking out a Thumb in Ladakh

Every morning in me a little sun rises for you.
It sometimes shines brightly, sometimes unobtrusively, sometimes it's a little bit clouded over, but it always shines and will never cease to do so.
The reflection you can see on my face.
Life without the people I love is like life without sunshine - not worth living.



Eigentlich haett ich heute an der grossen Morgenpuja im Kloster Thikse teilnehmen wollen, doch ohne Wecker um 4:30 aufzuwachen ist mir scheinbar nicht moeglich. Das macht aber gar nichts, denn ich mag die Puja mit Ven. Sanghasena sowieso sehr gerne, denn er hat immer sehr viel Interessantes zu sagen. (Er ist ausserdem einer der inspirierendsten Leute, die mir je begegnet sind: fast allein ein derartiges Zentrum aufzubauen, ohne irgendwelche finanziellen Grundlagen, nur mit Optimismus und dann die Ladakhis zu ueberreden, auch die Maedels in die Schule zu schicken... Hut ab.)
Ich finde faszinierend, dass ich bei einem Gottesdienst normalerweise nach 15 Minuten gelangweilt auf die Uhr schaue, aber bei dieser Puja gerne mal 1,5-2 Stunden wie im Flug vergehen koennen. Ist halt einfach interessanter und auch lebensnaeher, was man da so erzaehlt bekommt. Ausserdem hat es noch Neuheitswert. Heute ging's wieder mal - ganz im Einklang mit The Art of Happiness - darum, was fuer eine Einstellung man zum Leben haben soll und wie man mit schlechten Situationen umgehen soll. Dass das Wichtigste ist, im Hier und Jetzt zu leben und man keine Gedanken an Vergangenheit und Zukunft verschwenden soll; zumindest nicht waherend der Meditation.
Danach hat Ven. Sanghasena ein Schweizer Maedel, das als Gast dort ist, gefragt, ob sie hier gluecklich ist. Sie hat brav genickt (sprechen darf sie im Zuge der 3-taegigen Meditation nicht). Dann hat er zu mir gestikuliert und gemeint "Our sister from Austria is always happy - at least I have never seen her without a smile on her face." Daraufhin hat mein Laecheln sich natuerlich intensiviert und ich hab erstmals drueber nachgedacht - ich bin wohl tatsaechlich meistens gluecklich. Ich hoffe, ich kann mir den Sonnenschein in meinem Herzen - und in seiner Reflexion auf meinem Gesicht immer bewahren!

Zurueck zum Thema: nachdem ich also die Puja in Thikse versaeumt hatte, aber dafuer recht viel Zeit, beschloss ich, den Weg nach Leh erstmals zu Fuss anzutreten. Ich hatte vor, der schmalen und kaum befahrenen Strasse vom Mahabodhi Centre bis zu der grossen Strasse zu folgen, die von Choglamser nach Leh fuehrt und dort dann auf ein Taxi zu warten. Nach etwa 5 Kilometern wurde ich aber hungrig, durstig und etwas muede. Ohne Fruehstueck geht sich's eben nicht so gut.

Ich haette schon noch durchgehalten, doch da hoerte ich, wie sich von hinten ein Auto naeherte.Ohne zu Zoegern drehte ich mich um und streckte den Daumen raus. Das Auto blieb sofort stehen und ein netter mittelaltriger Mann fragte mich, wohin ich denn unterwegs sei. Da er in Leh arbeitete nahm er mich gerne mit. Wir tratschten ein bisschen in gebrochenem Englisch und schon befanden wir uns auf vorher genannter Strasse. Der Verkehr wurde dichter (auch die Anzahl der Kuehe und Esel auf der Strasse) und begann schliesslich, zaehfluessig zu werden.
Vor uns fuhr ein rotes, neu aussehendes Auto. Mein Fahrer begann wie wild zu hupen und als ich ihn dann irgendwann mal fragend ansah, meinte er "My friend in that car!" Besagter Freund schien fuer Hupen allerdings kein Ohr zu haben und fuhr noch eine Weile seelenruhig weiter, bis er es irgendwann doch behirnte und durch kurzes Aufblinkenlassen der Warnleuchten rueckkommunizierte.

Auf einmal hielt Dudup (oder so aehnlich hiess er) hinter einem Oelwagen, noch etwa 2 Kilometer vom Stadtzentrum:
"I'm sorry, Kristina, I am now going other way. Can I ask you to get out here?"
"Sure, no problem! Thanks for the lift!"
"You're welcome. And just get into that car!" und er deutete auf das rote Auto, das wegen dem Stau 5 Meter entfernt zu stehen gekommen war.
Also winkte ich zum Abschied und lief schnell hinueber. Ich klopfte an die Scheibe und fragte, ob ich bis in die Stadt mitfahren duerfte. Der Fahrer sah mich zuerst etwas verdutzt an, doch als ich auf das Auto seines Freundes zeigte, deutete er mir, dass ich einsteigen solle.
So sass ich schon im naechsten Auto, ohne auch nur kurz gewartet zu haben. Tsewang war nicht so gespraechig wie Dudup, doch das stoerte mich nicht, denn so konnte ich in Ruhe das Interieur des Autos bewundern: der Rueckspiegel und der obere Teil der Windschutzscheibe waren in eine Art kleinen Altar verwandelt: ueber dem Spiegel hingen Gebetsfahnen und ein Bild des Dalai Lama, auf dem Spiegel selbst klebten Bilder seiner Kinder und ringsum schlaengelte sich eine Blumengirlande. Sehr bunt.
Knapp unter dem tibetischen Markt (deren es echt unzaehlige gibt) liess er mich wieder aussteigen und ich stieg die letzten hundert Meter oder so selbst empor zur Stadt - wieder mal grinsend, weil sich Dinge manchmal einfach so wunderbar ergeben. So wie unlaengst das lange, philosophische Gespraech mit Hagai, einem israelischen Anwalt, den ich am Gipfel eines der Leher Berge traf, doch gaebe schon wieder Stoff fuer eine andere Geschichte...