Friday, May 31, 2013

Toss the Confetti

... und weiter im selben Tonfall.

Nachdem ich das Freudenfest selber noch unerwähnt gelassen hatte, will ich das hier nachholen: Allzu viel will ich nicht schreiben, weil es ja nicht meine persönliche Geschichte ist, aber ein paar Worte wollen sein und vermutlich werden es auch mehr als nur ein paar.

Am Vormittag des großen Tages machten wir uns in unseren jeweiligen Hotelzimmern fertig und ich gab noch schnell Stylingtipps (ja, ich. hm..) und zwei Sicherheitsnadeln aus, um ein Kleid davor zu bewahren, ihre Trägerin zu sehr zu entblößen.
Meine Sorgen bezüglich eines bestimmten Dresscodes, über den ich mir vorher den Kopf zerbrochen hatte, erwiesen sich freilich (wie meistens in Großbritannien) als absolut unnötig: man sah alles von casual im Strandkleid über super-smart (mit Hut à la Queen Elizabeth) bis hin zu den lächerlichsten Kravatten. Ich mag das eigentlich sehr. Dafür, dass sich Großbritannien immer als die Nation geriert, die von Mode nur so besessen ist, empfinde ich die Kleidungsetikette dort um einiges entspannter als bei uns.

Zum Ablauf:
Wir kamen zeitig bei der kleinen Dorfkapelle an und nahmen schon mal unsere Plätze ein. Für mich war alles aufregend, denn erstens unterscheiden sich britische Hochzeiten ja doch irgendwie von österreichischen und zweitens waren die letzten beiden Jahre schon so hochzeitsreich für mich, dass es von Mal zu Mal interessanter wird.

Die Braut trug weiß, auch wenn der erste Blick auf die in die kleine, heimelige Kapelle eintretende Claire mich zuerst stutzig werden ließ, war ihr Kleid doch eindeutig gelb. Ein zweiter Blick belehrte mich jedoch, dass es sich hier nicht um die Braut handelte, sondern um ihre Zwillingsschwester, die freilich - ins Farbschema der ganzen Hochzeit passend - gelb gewandet war. Sonnig gelb waren die Blumen, ebenso die Kleider der Brautjungfern und genauso die Halsbindeln (von Kravatten kann man nicht sprechen) des Bräutigams und seiner Entourage. All das passte wunderbar zum Himmel, denn der war - überraschenderweise - klar und sonnig.
Die Messe wurde von einem unglaublich fröhlichen dunkelhäutigen Priester durchgeführt, der es sichtlich auskostete, die vielen Mittelnamen der Brautleute auszusprechen. Kleinere Probleme gab es dann, als die Braut den vollen Namen ihres zukünftigen Mannes nachsprechen musste: dieser hat nämlich asiatische Wurzeln und seine Mittelnamen sind entsprechend kompliziert. Es brauchte einige Anläufe und Hilfestellungen des Priesters unter großem Gelächter der Kongregation und Liz und ich waren uns beide nicht ganz sicher, ob in all dem Tumult die Gelöbnisse überhaupt zuende gesprochen wurden. Ein zweiter Priester, der aussah als wäre er aus einem Rosamunde-Pilcher-Film entsprungene Dorfpfarrer, so passend war er besetzt, hatte einen Gastauftritt in welchem er zur Verdeutlichung des Ehebundes zuerst Sam und Claire über Handhaltung mit ihren jeweiligen Eltern zusammenband und danach miteinander. 'Tying the knot' put into practice.
Nur zwei Lieder wurden während der Messe gesungen - zu wenig, für meinen Geschmack - doch wir sangen alle fleißig mit.

Nach der Kirche gab es unvermeidbar langes Herumstehen mit Fotos und Konfetti, bevor man in einen kleinen Gemeindesaal fuhr, wo wir agapemäßig mit (analkoholischen) Sprudelgetränken begrüßt wurden und das Brautpaar erstmals ordentlich beglückwünschten.
Sehr nett fand ich, dass die Tische mit walisischen Ortsnamen bezeichnet wurden. Zusätzlich gab es auf jedem Tisch ein Foto von irgendeiner Örtlichkeit, die die Neuvermählten irgendwie verbindet: Sonnenaufgänge, Strand, die Uni,...war alles zu finden.
Gegenläufig zu Hochzeiten hier (glaube ich mich zu erinnern) gab es zuallererst einmal ordentlich zu essen*, sodass wir dann alle schön komatös dahingen, als die Reden losgingen. Brautvater und Brautmutter sangen ein Duett, das erstaunlich unpeinlich und ziemlich lustig war. Ersterer konnte es sich weiters nicht verkneifen, meinen Ausflug nach Bristol zu allgemeinen Belustigung zum Besten zu geben - allerdings nicht, ohne sich vorher über Tom meine Erlaubnis zu holen. Well...
Richtig rührend war jedoch Sams eigene Rede, da er so von seinen Emotionen überwältigt wurde, dass am Schluss beinahe der gesamte Saal in Tränen dasaß. So eine schöne Bräutigamsrede hatte ich noch nie gehört.

* Ich konnte nicht umhin festzustellen, dass die Kellner nur sehr wenig Ahnung davon zu haben schienen, was sie tun, und fühlte den inneren Drang in mir aufsteigen, ihnen zur Hand zu gehen. Doch ich saß brav still.



Die weiteren Feierlichkeiten vergingen ziemlich schnell: die Torte wurde angekratzt (und nicht sofort verteilt, was ich etwas irritierend fand, sondern stehengelassen*), einige Tische wurden sokobanartig verschoben, während die Hochzeitsgäste sich in der Bar mit weiteren Getränken versorgten und dann nach draußen traten, um a) die Sonne zu nutzen, b) endlich nicht mehr sitzen zu müssen und c) sich mit all denen zu unterhalten, die vorher weit weg saßen.

* sie wurde später zu kleinen Häppchen aufgeschnitten verteilt. Nachdem es sich dabei um die traditionelle und unvermeidliche fruitcake handelte, wie ich sie schon auf Herm kennenlernen durfte, fand sie erwartungsgemäß wenig Anklang und man hätte sie auch tatsächlich stehenlassen können.

Dann ging's wieder hinein, denn Claire spielt in einer sogenannten "Oompah-band", was beinahe 1:1 mit einem österreichischen Blasmusikensemble gleichzusetzen ist. Ich fand's total lustig und als sie als letztes Stück den Schneewalzer anspielten wäre ich am liebsten aufgesprungen um ganz traditionell im Walzertakt das Tanzbein zu schwingen. Die Idee scheiterte an der Walzerunkundigkeit der anderen Anwesenden. Das müssen wir noch üben.

Hernach wurde die Tanzfläche offiziell freigegeben und zu vom DJ gut gewählten Klassikern bewegten sich alle mit viel Schwung und Elan: immerhin galt es im Magen Platz zu schaffen für das Spanferkel, das einstweilen im Hinterhof befeuert wurde.

In kurzer Zeit wurde viel zu viel Essen (und erstaunlich wenig Süßgebäck) zur Verfügung gestellt, bevor zu meinem Erstaunen um 11 Uhr schon die ersten Leute ihre Taxis riefen. Ich erfragte, dass der Gemeindesaal um Mitternacht geschlossen werden müsse und begann den großen Aufbruch zu verstehen. Sehr schade, eigentlich, denn ich hätte locker noch 2 Stunden durchgehalten und Spaß gehabt, aber man passt sich eben den örtlichen Gebräuchen an.
Der Vorteil dieses frühen Endes ist, dass man sich die oft langen, trägen Morgenstunden erspart und weiters nicht erst zu Mittag fit ist (theoretisch - es sei denn man schläft auch in der zweiten Nacht trotz der good-night's sleep policy schlecht). Einzig: ich hatte mir so viel Hunger für die Käseplatte und die Antipasti aufgehoben, die es erst ab ca. halb 11 gab (sinnvoll!) und in deren Genuss ich vor lauter Tanzen und Tratschen nicht mehr kam, dass ich zum Frühstück nicht umhin konnte, mir ein Full English Breakfast angedeihen zu lassen und selbst dieses mich noch nicht komplett sättigte. Lesson learned - eat more, next time.

Persönliches Fazit:
  • Britische Hochzeiten sind sehr lustig - obwohl sich mir nicht ganz erschlossen hat, warum junge Männer ab einer gewissen Uhrzeit und einem gewissen Alkoholpegel ihre Kravatten vom Hals auf die Stirn verlagern müssen.
  • Es war wirklich toll, die ganze gang wiederzusehen und ich war erstaunt und berührt zugleich, als ich feststellte, dass ich als Fixpunkt selbiger betrachtet werde und meine Anwesenheit (scheinbar für den Großteil) so natürlich ist, als hätte ich gesamte 3 Studienjahre mit der Gruppe zusammen verbracht. Ein bisschen befremdlich auch, denn ich messe mir selbst meist weniger momentum in einer Gruppe zu und hätte mich höchstwahrscheinlich niemals zu der Hochzeit eingeladen, - aber großteils schön.
  • Ein Wochenende im UK ist nicht lang genug, um wieder schön in den Lebensstil dort reinzufallen, aber das war klar und es gibt schon Pläne für eine Wiederkehr.


Ties look just as good on girls

Monday, May 27, 2013

Haste to the Wedding

Wieder einmal trägt ein Blogeintrag den Titel eines Lieds und selten hat er so gut gepasst.

Heuer scheint das Jahr der Hochzeiten zu sein und als Auftakt hatt ich die überraschende Ehre zur Hochzeit meines Mitbewohners Sam aus Bangorzeiten geladen zu sein. Diese fand - weniger überraschend - auf der Insel statt; genauer gesagt in Leicester (Für die, die's nicht wissen: man spricht das als /lesta/ aus). Obwohl ich nun ja ordentlich berufstätig bin, ging es sich aus, einen Kurzausflug übers Wochenende zu planen...

Die vergangenen Wochen waren stressdurchzogen und die Hochzeit passte mir eigentlich mehr schlecht als recht in den Zeitplan und so kam es, dass ich am Freitag, pfuschmäßig vorbereitet und den Kopf noch voller lateinischer Phrasen, direkt von der Arbeit in Richtung Flughafen hastete. (Meine Schuhe waren zum Glück am Vorabend noch angekommen und ich war kurz vor Ende der Öffnungszeiten zu meinem Postpartner geeilt, um sie ihnen einen Tag vor Abholzeit abzuknöpfen. Was glücklicherweise gelang.)

Am Flughafen rügte mich zuallererst der Schalterbeamte, weil ich a) nicht online eingecheckt hatte und b) 5 Minuten vor Eincheckschluss bei ihm aufkreuzte. "In 40 Minuten schließt das Gate.", ließ er mich mit vorwurfsvollem Unterton wissen. Aha. Ich gedachte sowieso nicht zu trödeln.

Ich erreichte den Flieger natürlich mehr als pünktlich und landete planmäßig in Gatwick. Dort sofort zur Ticketmaschine um die vorgebuchten Zugtickets nach Leicester abzuholen, als mir Übles schwant: Ich habe meine Railcard nicht mitgenommen. Ohne Railcard sind die Tickets nicht gültig und mir wurde beinah schlecht bei dem Gedanken, mir jetzt Vollpreistickets kaufen zu müssen, die man am Reisetag für gewöhnlich nur zu horrenden Preisen erhält.
Ich hatte noch eine Stunde Zeit, gravitierte naturgemäß Richtung Costa's um mir dort einen Kaffee zu holen (und festzustellen, dass auch meine Costakarte zuhause liegen geblieben war). Der Kaffee brachte meine Hirnzellen wieder in Schwung und schoss mir eine Erinnerung zu: In meinem Kalender (den ich ebenso beinahe zuhause gelassen hätte) befand sich die Rechnung für meine Railcard. Aus guten Gründen hatte ich diese noch nicht entsorgt und aus wirklich unerfindlichen Gründen befand sie sich in diesem Kalender. Die Aufschrift belehrte mich, dass ich dieses receipt benötige, sollte ich Ersatz anfordern wollen. Ja! Wollte ich!

Ich trank den Kaffee aus und machte mich daran, den Mann beim Ticketschalter dazu zu bringen, mir aus meiner misslichen Lage zu helfen.
The only option you have is to buy full-price tickets.
But the receipt says that I can use it to get a replacement for my railcard.
No, you cannot.
Why does it say so, then?
etc
etc.
... 
Ok, I have to ask...

The importance of being persistant...

Mit einem Formular kam der Mann zurück und ich füllte es brav aus
Do you have a passport-sized picture?
Mist. Daran hatte ich natürlich nicht gedacht.... Doch! Oh Wunder! Auch meinen alten Studentenausweis hatte ich aus Faulheit noch nicht entsorgt, also nahm ich ihn jetzt aus der Tasche, riss das Foto mit dem Unistempel herunter und reichte es dem mich etwas seltsam anblickenden Mann.
Diese gesamte Transaktion nahm viel mehr Zeit in Anspruch, als ich gehofft hatte und ich starrte schon die ganze Zeit nervös auf den Bildschirm: Zug fährt um 18:47. Es ist 18:45.
Endlich bekomme ich die Karte ausgehändigt, sprinte los, durch die Sicherheitsbarrieren, über den Steg zum Bahnsteig und schaffe es gerade noch, in den Zug zu springen. Erst dort entspanne ich mich und beschließe, die halbe Stunde Zugfahrt durch Zeitungslektüre zu überbrücken.
An diesem Tag stellt sich das allerdings als großer Fehler heraus, denn als ich eine halbe Stunde später in London, St. Pancras aussteige steht auf dem riesengroßen Schild vor mir nicht etwa "London, St. Pancras", sondern - viel kürzer - "Brighton".
Es vergehen etwa 5 Sekunden vollkommenen Unverständnisses und 5 Sekunden, in denen ich mich frage, ob irgendeine Station in London vielleicht zufällig "Brighton" heißt, doch dann schlägt die Realität in Form einer kühlen Meeresbrise zu: Ich bin an der Küste gelandet... Das erklärt auch die Jugendgruppe mit den Sommerhüten.

Innerlich greife ich mir ans Hirn, während ich äußerlich schon die hilfsbereiten Bahnhofsangestellten anspreche, die mich auch gleich auf den nächsten Zug zurück verweisen, der natürlich "jetzt" abfährt. Also nochmal ein Sprint. Diesmal klappt auch der Umstieg und um halb 11 Uhr abends lande ich endlich in Leicester, wo Tom mich abholt und, geleitet vom schnellsten Navi aller Zeiten, zum Hotel bringt. Beim Check-In kann der Portier nicht anders, als die "Brutalität meines Nachnamens" zu kommentieren und zu belächeln, bevor er mich fragt, ob ich um die "good-night's sleep policy" wisse. Auf mein Stirnrunzeln hin erklärt er mir, dass das Hotel dafür Sorge tragen will, dass ich gut schlafe. Aha.

Lou, Liz und Will sind im selben Hotel einquartiert und nach einer ehrlich-herzlichen und überschwänglichen Begrüßung drückt man mir eine Dose kühlen Ciders in die Hand, mit dem ich mich auf deren Bett niederlasse und beim Austausch von Neuigkeiten endlich ganz ankommen kann. Doch noch rechtzeitig, um bis zur Hochzeit wieder hergestellt zu sein.

(Gut geschlafen habe ich übrigens trotz des Versprechens des Portiers nicht ...)

Thursday, May 02, 2013

Denkmalschändung

Am Judenplatz gibt es ein Mahnmal. Ein sehr schönes Mahnmal sogar, wie ich finde, nicht zuletzt, weil es die Form eines Tempels hat, dessen Außenfassade aus lauter Betonstücken in Form von Büchern besteht. Dieser graue Betontempel steht auf einer Basis, einer Stufe, die auf allen Seiten etwa einen halben Meter vorspringt und in die metallener Text eingelassen ist, der das Mahnmal erklärt und zusätzlich die Orte anführt, an welchen zur Zeit des Deutschen Reiches Juden eingekerkert und zugrunde gerichtet wurden.

von dort geborgt: http://www.univie.ac.at/hypertextcreator/europa/upload/europa/Image/import/275.jpg


Diese Basis, diese Stufe lädt durch ihre bauliche Anlage zum Draufsetzen ein und wird von vielen Menschen entsprechend als Sitzgelegenheit verwendet. (Gäbe es in der näheren Umgebung Bänke, auf die man sich setzen könnte, dann sähe das vielleicht anders aus.)
Ich finde das jetzt nicht problematisch - natürlich vorausgesetzt, man beschmutzt oder beschädigt das Mahnmal dadurch nicht - und würde mich auf die Basis eines jeden Denkmals jederzeit draufsetzen, wenn es dazu einlädt (und tue das auch durchaus hin und wieder).

Dementsprechend dachten ich und die liebe Julia uns überhaupt nichts dabei, als wir uns mit je einem Becher Joghurteis in Händen auf dieser Stufe niederließen. Die gesamte Stufe (mit Ausnahme der beschrifteten Vorderseite - man hat ja Anstand) war mit Menschen locker besetzt. Die Sonne schien, der Platz war bevölkert, und die Touristen tröpfelten in kleinen Grüppchen über den Platz und ließen dabei das Mahnmal nicht außer Acht.

Eine ältere Dame mit pinkfarbenem T-Shirt und gleichfarbstichigem Haar kreiste etwa zehn Minuten lang im Halbradius um uns, bis sie es nicht mehr aushielt.

Do you speak English?
Yes, we do. (Ich habe die Frau vorher nicht bemerkt und glaube, sie möchte eine Auskunft.)
Do you know what this is?
Yes, it is a memorial to commemorate the Jews who died during the times of the 2nd World War and.. 
Exactly. So do you think it is appropriate to sit here?

Uns verschlägt es beiden mal kurz die Sprache. Danach beginnen wir ihr zu erklären, dass die Tatsache, dass wir hier sitzen, nicht etwa zu bedeuten habe, dass wir keinen Respekt hätten, oder weil uns die Geschichte unseres Landes mit allen ihren furchtbaren Seiten etwa egal wäre. Wir säßen hier mit viel Respekt gegenüber dem Denkmal, fänden aber nicht, dass das so stark verwerflich sei, da wir es genau in dem Zustand wieder verlassen werden, in dem wir es vorgefunden haben.
Sie lässt das nicht gelten, immerhin seien ihre Eltern aus Österreich vertrieben worden und deshalb schmerze es sie, dass Leute wie wir zu Füßen dieses Denkmals Platz genommen haben, noch dazu so unbekümmert.
Ich hatte große Lust, eine Diskussion zu beginnen, in der ich angeführt hätte, dass ich sehr wohl ihre Emotionen verstehe (dem war auch so), dass ich dennoch aber kein Problem darin sehe, dass Leute am Fuße eines Denkmals sitzen und dass ich das schon gar nicht als persönliche Beleidigung empfinden würde oder als Leugnung oder leichtfertigen Umgang mit der Geschichte. Zugegebenermaßen hat dieses Denkmal auf Leute mit persönlicher Verbindung dazu eine ganz andere Wirkung als auf ignorante und vor allem historico-emotional unbedarfte Jungspunde, doch ich empfinde zu viel Denkmalhuldigung als übertrieben. Ein Denkmal ist ja nur ein Symbol.
(Immerhin käme ich, wenn ein Bekannter von mir sich an einem Strick erhängt hätte, auch nicht auf die Idee zu einem Schnurspringer, der in einem Park seine Sprungkraft verbessert, hinzugehen und ihn zu bitten, damit aufzuhören, weil der Anblick einer Schnur mich persönlich schmerzt.)
Von einer derartigen Diskussion nahm ich jedoch Abstand, aus dem Grund, dass diese Frau bestimmt meinen Beweggrund missverstanden hätte, die Aktion nur als Untermauerung meiner Aufmüpfigkeit empfunden hätte, und ich sie in ihrem bereits empfunden Schmerz nicht weiter kränken wollte. (Mal abgesehen davon, dass mir das Schnurspringerbeispiel freilich erst Minuten später einfiel).

Offenbar war die Frau ebensowenig auf verbissene Konfrontation aus wie wir, wies uns noch einmal darauf hin, wie schmerzlich es für sie war, hier Leute sitzen zu sehen und zog von Dannen.

Woraufhin ich mit Julia weiterdiskutierte und wir übereinkamen, dass man uns keine Schuldigkeit für die Vergangenheit in die Schuhe zu schieben brauchte - ebensowenig wie mangelndes Verständnis für historische Ereignisse - denn beides haben wir nicht. Wir finden, dass man durchaus respektvoll auf der Basis eines Denkmals sitzen kann. Außerdem ist einem während der ganzen Sitzzeit ebendiese Vergangenheit, an die gemahnt wird, bewusst. Vielleicht sogar bewusster, als wenn man nur dran vorbeigeht und für eine Ehrfurchtssekunde den Blick drüberschweifen lässt.